Die Schnittstelle ist kein Charakterproblem.
Zwei Erweiterungen des Modells: Interdependenz und künstliche Intelligenz

Das Grundmodell aus vier Dimensionen steht. Es fehlen zwei Größen, die in Planungsbüros täglich wirken und in keiner der bisherigen Folgen vorkamen: die wechselseitige Abhängigkeit der Beteiligten und der Einfluss künstlicher Intelligenz. Beide werden hier eingeordnet, und beide wirken nicht auf alle Rollen gleich.
Roman Fritsches-Baguhl forscht als externer Doktorand an der Professur Baubetrieb und Baumanagement von Großprojekten der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg zur Produktivität von TGA-Planungsbüros.
Wenn in einem Planungsbüro erklärt werden soll, warum eine Schnittstelle nicht funktioniert, fällt regelmäßig ein Satz über Personen.
Die reden halt nicht miteinander.
Der Satz beschreibt etwas, erklärt aber nichts. Und er führt zu Maßnahmen, die selten wirken: noch ein Jour fixe, noch eine Eskalationsregel, im Zweifel ein Teamworkshop.
Erweiterung 1: Interdependenz
Abhängigkeit ist keine Option
Aufgabeninterdependenz bezeichnet die Abhängigkeit von anderen Arbeitenden bei der Erfüllung der eigenen Aufgabe. Entscheidend ist die Schärfe der Definition: Es handelt sich nicht um Optionen zur Interaktion, sondern um Interaktionsnotwendigkeiten, denen für eine erfolgreiche Aufgabenausführung nachgekommen werden muss.1
Das ist mehr als der übliche Kollaborationsbegriff. Zusammenarbeit klingt nach etwas, das man gut oder weniger gut machen kann. Interdependenz beschreibt eine Struktur: Ohne den Input der anderen geht es schlicht nicht weiter.
Eine Fachplanung Heizung kann ohne Deckengeometrie keine Trassen führen. Eine Systemplanung kann ohne Systementscheidung nicht modellieren. Das sind keine Kooperationsfragen, das sind Vorbedingungen.
Was eine Interviewstudie gefunden hat
Eine arbeitspsychologische Studie hat diesen Blickwinkel systematisch angewandt. Ermittelt wurden 133 Aufgabeninterdependenzen und darauf bezogen 110 negative Ereignisse.2
Der wichtigste Befund für die Planung ist der folgende. Bei den interdependenzbezogenen Störungen handelte es sich ausschließlich um informatorische Erschwerungen und um Unterbrechungen durch Blockierungen. Beziehungs-, Konflikt- oder Vertrauensaspekte fielen nicht darunter.3
Anders gesagt: Was in Planungsbüros als zwischenmenschliches Problem verhandelt wird, ist in der Sache ein Informationsproblem. Nicht weil es keine Konflikte gäbe, sondern weil die Störungen, die tatsächlich Zusatzaufwand erzeugen, informatorischer Natur sind.
Fünf Formen, die jedem Planer bekannt vorkommen
Die Störungen lassen sich danach unterscheiden, welche Operation gestört wird.
Beschaffen. Der notwendige Input muss aktiv beschafft, angemahnt, nachgefordert werden. In der TGA: Die Vorleistung der Objektplanung fehlt oder kommt zu spät.
Wahrnehmen. Überflüssige Informationen erzwingen eine Selektionsleistung. In der TGA: die überfrachtete Projektplattform, die unselektierte Flut an Modellhinweisen.
Bearbeiten. Der Input liegt vor, ist aber fehlerhaft, veraltet oder in der falschen Darstellung. In der TGA: das Architekturmodell, das erst aufbereitet werden muss.
Weiterleiten. Der eigene Output ist mangelhaft und erzeugt Rückfragen. In der TGA: das unvollständige Schema, das an die Koordination geht.
Blockierung. Eine Aufgabe steht still, weil Information fehlt. In der TGA: das Arbeitspaket, das auf die Freigabe der Durchbruchsplanung wartet.
Innerhalb der eindeutig zuordenbaren Fälle entfielen 42 Prozent auf die Erschwerung des Bearbeitens und 38 Prozent auf die Erschwerung des Beschaffens.4
Zusammen sind das rund vier Fünftel. Die beiden häufigsten Störungen sind also: Ich bekomme etwas nicht, und ich bekomme es falsch.

Die Lücke, die niemand misst
Ein Befund verdient besondere Aufmerksamkeit, weil er eine blinde Stelle jeder Belastungsmessung markiert.
Bei 14 von 24 Ereignissen einer zweiten Kategorie handelte es sich um Qualitätsmängel an den eigenen Outputs der Befragten. Diese Mängel verursachen den Verursachenden selbst Zusatzaufwand, nämlich durch Rückfragen und Korrekturen, werden aber in den etablierten Verfahren nicht als deren Belastung erfasst.5
Übertragen auf die Planung: Wer unvollständig liefert, erzeugt beim Empfänger eine Erschwerung des Bearbeitens und bei sich selbst eine Rückfrageschleife. Gemessen wird üblicherweise weder das eine noch das andere.
Für das Modell heißt das, dass die Schnittstelle zweiseitig erfasst werden muss: als empfangende und als auslösende Seite.

Wo Interdependenz im Modell steht
Interdependenz ist keine fünfte Dimension. Sie ist eine Struktur innerhalb der Prozessdimension.
Zwei Festlegungen folgen daraus. Erstens werden Schnittstellen informationsbezogen operationalisiert und nicht beziehungsbezogen; die Frage lautet nicht, wie gut man miteinander auskommt, sondern welche Information wann in welcher Güte vorliegt. Zweitens wird nach der gestörten Operation geschnitten und nicht nur nach dem Partner.
Erweiterung 2: Künstliche Intelligenz
Warum KI keine Dimension ist
Es wäre naheliegend, künstliche Intelligenz als fünfte Dimension aufzunehmen. Das wäre falsch.
KI verändert nicht, was ein gutes Planungsergebnis ist. Sie verändert, wie stark ein gegebener Prozess auf das Ergebnis durchschlägt. Im Modell dieser Arbeit ist die Nutzungsintensität deshalb ein Moderator auf dem Pfad von der Prozess- auf die Ergebnisdimension: Dieselbe Prozessqualität führt bei unterschiedlicher KI-Nutzung möglicherweise zu unterschiedlichen Ergebnissen.

Die Evidenz ist eindeutig uneindeutig
Die Befundlage lohnt einen genaueren Blick, weil sie je nach Betrachtungsebene auseinanderfällt.
Auf der Ebene einzelner Aufgaben sind die Effekte groß. Ein gestaffeltes Feldexperiment im Kundendienst mit 5.172 Beschäftigten ergab eine Produktivitätssteigerung von rund 15 Prozent, mit deutlich größeren Gewinnen bei den weniger Erfahrenen.6
Auf Firmenebene sind die Effekte moderat. Eine Untersuchung europäischer Unternehmen mit rund 12.000 Beobachtungen findet eine Steigerung der Arbeitsproduktivität von etwa 4 Prozent.7
Und es gibt Gegenevidenz. In einem randomisierten Kontrollversuch mit 16 erfahrenen Entwicklern und 246 Aufgaben brauchten die Teilnehmenden mit KI-Werkzeugen rund 19 Prozent länger. Bemerkenswert ist nicht die Verlangsamung selbst, sondern dass die Beteiligten das Gegenteil wahrnahmen.8
Für ein Fachplanungsbüro ist das die wichtigste Warnung dieser Folge. Die Selbstauskunft, dass KI schneller macht, ist kein Beleg dafür, dass sie schneller macht.

Was den Unterschied macht
Zwei Befunde deuten in dieselbe Richtung.
Erstens: In einer Befragung von 530 Entwicklerinnen und Entwicklern berichteten rund 90 Prozent von Produktivitätsgewinnen, und organisatorische Unterstützung erwies sich als deutlich wirksamer als die individuelle Nutzung.9
Zweitens: Eine Branchenbefragung im Projektmanagement mit 870 Teilnehmenden zeigt, dass der Einsatz von KI zwischen 2023 und 2025 von 41 auf 66 Prozent gestiegen ist, während in 41 Prozent der Organisationen kein einziger Projektmanager geschult wurde.10
Die Kombination aus schneller Verbreitung und fehlender Qualifizierung ist genau die Konstellation, in der eine Technologie subjektiv entlastet und objektiv nichts verbessert.

Und das Dilemma bleibt
Aus Folge 03 stammt die Unterscheidung zwischen interner Effizienz und Ergebnisqualität. Unter KI-Bedingungen wird sie schärfer, nicht milder. Eine Planungsunterlage, die schneller entsteht, aber schwerer nachvollziehbar ist, verbessert die eine Seite und verschlechtert die andere. Ein Modell, das nur die Effizienz misst, würde das als Fortschritt verbuchen.
Was beide Erweiterungen gemeinsam haben
Sie wirken nicht auf alle gleich.
Eine Fachkoordination lebt von empfangener und weitergeleiteter Information; für sie ist Interdependenz der Kern der Tätigkeit. Eine Büroleitung erlebt dieselben Störungen nur als Summe in der Auslastung. Und eine Systemplanung, die viel wiederkehrende Modellierarbeit leistet, hat von KI vermutlich etwas ganz anderes zu erwarten als eine Projektleitung, die Entscheidungen unter Unsicherheit trifft.
Ein Modell, das für alle dasselbe misst, kann diese Unterschiede nicht sehen. Genau deshalb ist die Erhebung rollenspezifisch angelegt.
Ausblick
Damit ist der theoretische Rahmen vollständig. Die nächsten sechs Folgen gehören den Rollen. Für jede Rolle wird gefragt: Was ist dort eigentlich die Aufgabe, welche Abhängigkeiten bestimmen sie, und woran müsste man ihre Produktivität messen.
Einschränkung
Die Interdependenzstudie ist explorativ und qualitativ angelegt. Die Übereinstimmung der beiden Codierenden lag bei der zentralen Typisierung bei 0,65, weshalb die genannten Anteile als Größenordnungen und nicht als präzise Werte zu lesen sind.11 Projektbeschäftigte waren aus der Stichprobe ausdrücklich ausgeschlossen.12 Ob in der Bauplanung mit ihrer wechselseitigen statt bloß aufeinanderfolgenden Abhängigkeit weitere Formen auftreten, ist offen und in dieser Arbeit zu prüfen.
Die Befunde zur künstlichen Intelligenz stammen ganz überwiegend aus der Softwareentwicklung und aus branchenübergreifenden Firmendaten. Für die TGA-Planung liegt keine belastbare Evidenz vor. Die Moderatorannahme ist eine Hypothese und kein Befund.
Frage an Sie
Denken Sie an die letzte Rückfrage, die Sie zu einer eigenen Lieferung bekommen haben. Wie viel Zeit hat die Klärung gekostet, und wo ist diese Zeit in Ihrem Büro sichtbar geworden?
Belege
- Vgl. Schulz (2011), S. 6.
- Vgl. Schulz (2011), S. 9 f.
- Vgl. Schulz (2011), S. 10.
- Vgl. Schulz (2011), S. 10.
- Vgl. Schulz (2011), S. 11 und S. 13.
- Vgl. Brynjolfsson u. a. (2025).
- Vgl. Aldasoro u. a. (2026).
- Vgl. Becker u. a. (2025).
- Vgl. Houck u. a. (2025).
- Vgl. Nieto-Rodriguez / Vargas (2025), S. 8 und S. 22.
- Vgl. Schulz (2011), S. 9.
- Vgl. Schulz (2011), S. 9.
Schulz, A. (2011): Aufgabeninterdependenzen und Emotionen bei der Arbeit. In: Journal Psychologie des Alltagshandelns, Vol. 4, No. 2, S. 4 bis 17.
Brynjolfsson, E. / Li, D. / Raymond, L. (2025): Generative AI at Work. In: Quarterly Journal of Economics, Vol. 140, No. 2, S. 889 bis 942.
Aldasoro, I. / Gambacorta, L. / Pal, R. / Revoltella, D. / Weiss, C. / Wolski, M. (2026): AI Adoption, Productivity and Employment. Evidence from European Firms. EIB Working Paper 2026/02. Luxemburg: European Investment Bank.
Becker, J. / Rush, N. / Barnes, B. / Rein, D. (2025): Measuring the Impact of Early-2025 AI on Experienced Open-Source Developer Productivity. METR, arXiv 2507.09089.
Houck, B. / Lowdermilk, T. / Beyer, C. / Clarke, S. / Hanrahan, B. (2025): The SPACE of AI. Real-World Lessons on AI Impact on Developers. Microsoft Research, Preprint.
Nieto-Rodriguez, A. / Vargas, R. V. (2025): Second Global Survey on AI in Project Management.
Zitiervorschlag
Fritsches-Baguhl, R. (2026): Die Schnittstelle ist kein Charakterproblem.. Folge 06 der Reihe „Produktiv Planen“. https://tgapuls.de/produktivplanen/forschungsblog/folge-06-interdependenz-und-ki
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