Forschung an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg
Dissertation „Produktiv Planen“
Folge 02 der Reihe „Produktiv Planen“ · Teil 1

Fünfzigfach produktiver. Aber nur der Arbeiter.

Was Wissensarbeit von körperlicher Arbeit unterscheidet und wie sich die Produktivität der TGA-Planung messen lässt

Roman Fritsches-Baguhl · Dienstag, 6. Oktober 2026 · Lesezeit 5 Minuten

Titelbild der Folge 02: Fünfzigfach produktiver. Aber nur der Arbeiter.

Seit Taylor (1911) hat sich die Produktivität des Manual Worker, des körperlich Arbeitenden, etwa verfünfzigfacht. Für den Knowledge Worker gibt es keine vergleichbare Entwicklung. Peter Drucker nannte deren Produktivität 1999 die größte Managementaufgabe des 21. Jahrhunderts. Der Grund liegt in einem Merkmal, das in Folge 01 bereits aufgetaucht ist: der Selbststeuerung.

Roman Fritsches-Baguhl forscht als externer Doktorand an der Professur Baubetrieb und Baumanagement von Großprojekten der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg zur Produktivität von TGA-Planungsbüros.


Zwei Fragen an dieselbe Person.

Wie lange brauchen Sie für ein Strangschema? Darauf gibt es eine Antwort.

Was ist in diesem Projekt eigentlich Ihre Aufgabe? Darauf meistens keine eindeutige.

Der Unterschied zwischen diesen beiden Fragen ist der Gegenstand dieser Folge. Sie ist die erste theoretische Folge der Reihe. Das Thema Wissensarbeit wird in weiteren Folgen vertieft.

Die eine Hälfte ist gelöst

Frederick Winslow Taylor war nach Druckers Darstellung der erste Mensch, der Arbeit systematisch untersuchte und Wissen auf Arbeit anwandte. Seither ist die Produktivität des Manual Worker nach Drucker um etwa drei Prozent jährlich gewachsen, was er als Verfünfzigfachung beziffert.1 Ihre bekannteste Form fand Taylors Methode 1911 in den „Principles of Scientific Management“.

Auf dieser Leistung beruhen die wirtschaftlichen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. Und alles, was seither an Methoden gekommen ist, das Fließband, Kaizen, Just-in-Time, Total Quality Management, beruht auf denselben Prinzipien: Aufgabe zerlegen, Bewegungen messen, Überflüssiges streichen, den Rest in eine sinnvolle Reihenfolge bringen, Werkzeuge anpassen.2

Das ist gelöst. Sehr gründlich sogar.

Die andere Hälfte nicht

Für den Knowledge Worker gibt es diese Kurve nicht. Drucker bezeichnete deren Produktivität deshalb als die größte Herausforderung, vor der das Management im 21. Jahrhundert steht.3

Der Grund ist nicht, dass Wissensarbeit anspruchsvoller wäre. Der Grund liegt in der Herkunft der Aufgabe.

Beim Manual Worker ist die Aufgabe vorgegeben. Die produktive Frage lautet: Wie ist die Arbeit auszuführen? Das ist Taylors Frage, und sie ist beantwortbar.

Beim Knowledge Worker ist die Aufgabe nicht vorgegeben. Die erste produktive Frage lautet daher: Was ist überhaupt die Aufgabe? Wissensarbeit programmiert den Arbeitenden nicht, also muss dieser sich selbst programmieren und seine Aufgabe selbst klären.4

Die Herkunft der Aufgabe.
Abbildung 1: Die Herkunft der Aufgabe. Beim Manual Worker ist die Aufgabe vorgegeben, beim Knowledge Worker nicht, und daraus folgt jeweils eine andere produktive Frage. Nach Drucker (1999), S. 81 f. und S. 84.

Aus dieser Verschiebung leitet Drucker sechs Faktoren der Produktivität von Wissensarbeit ab. Dazu gehören die Definition der Aufgabe, Autonomie und Selbstmanagement, fortlaufende Innovation, fortlaufendes Lernen und Lehren, der Vorrang der Qualität vor der Menge sowie die Behandlung des Wissensarbeitenden als Vermögenswert statt als Kostenfaktor.5

Vier dieser Faktoren kehren die Logik der Handarbeit um. Qualität ist beim Manual Worker eine Mindestbedingung, beim Knowledge Worker das eigentliche Maß. Der Manual Worker wird gesteuert, der Knowledge Worker steuert sich. Und die Produktionsmittel liegen nicht mehr im Betrieb, sondern im Kopf, sind also vollständig tragbar.6

Sechs Faktoren der Produktivität von Wissensarbeit.
Abbildung 2: Sechs Faktoren der Produktivität von Wissensarbeit. Hervorgehoben ist der zweite, Autonomie und Selbstmanagement, der für diese Reihe der wichtigste ist. Nach Drucker (1999), S. 83 f., Kurzfassung in eigener Formulierung.

Ist TGA-Planung Wissensarbeit?

Die Frage wird gern an der Tätigkeit entschieden, und dann führt sie in die Irre. Wer rechnet, gilt als Wissensarbeiter, wer zeichnet oder modelliert, angeblich nicht.

Drucker hat für genau diesen Fall eine eigene Kategorie eingeführt: die Technologen. Gemeint sind Wissensarbeitende, die zugleich Wissens- und Handarbeit leisten. Sein Beispiel ist der Chirurg, dessen Diagnose höchstes Wissen verlangt und dessen Operation manuelle Arbeit ist. Technologen sind nach seiner Einschätzung die größte und am schnellsten wachsende Gruppe von Wissensarbeitenden.7

Die TGA-Planung fällt genau in diese Kategorie. Die Heizlastberechnung ist Wissensarbeit, die Modellierung des Schachtes ist Handarbeit, und beides erledigt häufig dieselbe Person, nicht selten am selben Tag.

Der belastbarere Test ist ohnehin ein anderer. Entscheidend ist nicht, ob gerechnet oder gezeichnet wird, sondern ob die Aufgabe vorgegeben ist. Die HOAI beschreibt Leistungsphasen und Grundleistungen. Sie beschreibt nicht, was in einem konkreten Projekt mit diesem Bauherrn, diesem Bestand und diesem Terminplan die Aufgabe ist. Diese Übersetzung leistet die planende Person selbst.

Nach Druckers Kriterium ist TGA-Planung damit Wissensarbeit, und zwar in der Technologen-Ausprägung. Das ist keine Ehrenbezeichnung, sondern eine Messvorgabe: Wer sie wie Handarbeit misst, misst nur die Ausführung und übersieht die eigentliche Aufgabe samt ihrem Klärungsbedarf.

Technologen.
Abbildung 3: Technologen. Wissensarbeitende, die zugleich Wissens- und Handarbeit leisten, am Beispiel des Chirurgen und der TGA-Planung. Kategorie nach Drucker (1999), S. 88; Einordnung der TGA-Planung: eigene Übertragung.

Autonomie ist kein Wohlfühlthema

Der zweite Faktor ist für diese Reihe der wichtigste. Wissensarbeitende müssen sich selbst managen und die Verantwortung für ihre eigene Produktivität übernehmen.8

Autonomie ist damit keine Vergünstigung, die ein Büro gewährt, wenn die Auftragslage es zulässt. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Wissensarbeit überhaupt produktiv sein kann. Wer seine Aufgabe selbst definieren, sich also selbst programmieren muss, aber die Bedingungen dafür nicht hat, arbeitet nicht langsamer, sondern an der falschen Sache.

Hier schließt sich der Kreis zu Folge 01. Dort ging es um das Regulationshindernis, also um ein Ereignis, das die zielgerichtete Selbststeuerung stört, ohne dass die Arbeitsbedingungen eine Beseitigung oder Bewältigung vorsehen.9

Zwei Denktraditionen, ein Gegenstand. Die amerikanische Managementlehre benennt die Selbststeuerung als Bedingung der Produktivität. Die deutsche Arbeitswissenschaft beschreibt, was ihre Störung kostet, und beziffert diese Kosten als Zusatzaufwand.

Genau deshalb steht Autonomie im Messmodell in der Potenzialdimension und nicht bei den weichen Faktoren. Sie ist die Bedingung, unter der aus Potenzial ein Prozess und aus einem Prozess ein Ergebnis wird.

Zwei Denktraditionen, ein Gegenstand.
Abbildung 4: Zwei Denktraditionen, ein Gegenstand. Drucker benennt die Selbststeuerung als Bedingung, das Regulationshindernis beschreibt die Kosten ihrer Störung. Drucker (1999), S. 83 f.; Schulz (2011), S. 6.

Ein offener Punkt in eigener Sache

Die Regel drei dieser Reihe lautet, dass hier auch steht, wo ich mich geirrt habe.

Das derzeit erhobene Instrument misst Autonomie nicht und Regulationshindernisse nicht strukturiert. In der Fassung, mit der die Vorerhebung läuft, gibt es für Autonomie kein einziges Item. Ein Konstrukt, das theoretisch die Bedingung der Wissensarbeit ist, war in der Operationalisierung schlicht nicht vorhanden.

Das ist der Grund, warum diese Vorerhebung eine Vorerhebung ist und nicht die eigentliche Messung. Für die Erhebungsfassung 2027 wird Autonomie ergänzt.

Einschränkung

Drucker (1999) ist ein konzeptuell-programmatischer Beitrag ohne empirisches Forschungsdesign. Die Argumentation beruht auf historischer Analyse, Fallbeispielen und einem Analogieschluss von der Taylorschen Revolution auf eine noch ausstehende zweite Revolution. Die sechs Faktoren sind nicht metrisch operationalisiert. Ob sie in der TGA-Planung in der beschriebenen Weise wirken, ist zu prüfen, und genau dafür messe ich.

Ausblick

Folge 03 geht der Frage nach, warum Qualität in der Forschung zur Wissensarbeit als das eigentliche Zielkriterium auftaucht und was das für die Ergebnisdimension bedeutet.

Frage an Sie

Wie klar ist in Ihrem aktuellen Projekt definiert, was Ihre Aufgabe ist und was ausdrücklich nicht dazugehört?


Belege

  1. Vgl. Drucker (1999), S. 80.
  2. Vgl. Drucker (1999), S. 81 f.
  3. Vgl. Drucker (1999), S. 79.
  4. Vgl. Drucker (1999), S. 84.
  5. Vgl. Drucker (1999), S. 83 f.
  6. Vgl. Drucker (1999), S. 84 und S. 87.
  7. Vgl. Drucker (1999), S. 88.
  8. Vgl. Drucker (1999), S. 83 f.
  9. Vgl. Schulz (2011), S. 6.

Drucker, P. F. (1999): Knowledge-Worker Productivity. The Biggest Challenge. In: California Management Review, Vol. 41, No. 2, S. 79 bis 94.

Schulz, K. (2011): Aufgabeninterdependenzen als Quelle von Regulationshindernissen. In: Journal Psychologie des Alltagshandelns, 4 (2), S. 4 bis 17.

Zitiervorschlag

Fritsches-Baguhl, R. (2026): Fünfzigfach produktiver. Aber nur der Arbeiter.. Folge 02 der Reihe „Produktiv Planen“. https://tgapuls.de/produktivplanen/forschungsblog/folge-02-drucker-manual-knowledge-autonomie

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