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TGA-PlanungProjektleitung TGA-PlanungFolge #221

tgabar · Bargespräche

Zielkonflikte in der Planung

Folge 22110.03.202416:16 minRoman Fritsches, Sören Janson
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Auf den Punkt

Ein Zielkonflikt liegt vor, wenn zwei Projektziele nicht gleichzeitig erreichbar sind, etwa Flächeneffizienz gegen 30 Prozent Reserve in Schächten. Statt emotional zu streiten, formuliert man Ziele SMART mit Spannen und stellt sie in einer Zielverträglichkeitsmatrix paarweise gegenüber. Die Punktsummen zeigen, welche Ziele am schwersten erreichbar sind und gezielt nachverhandelt werden müssen.

Transkript

Was ist ein Zielkonflikt und warum entsteht er in der Planung?

Roman: Herzlich willkommen an der TGA-Bar. Sören Janson, Roman Fritsches, moin aus Hamburg, mit Blick auf den Hafen wie immer. Heute geht es um ein Thema, das uns in jedem Projekt viel Zeit und Nerven kostet: Zielkonflikte. Es geht grundsätzlich um Ziele und um das größte Problem, dass Ziele gegeneinander laufen. Was ist ein Zielkonflikt? Zwei Ziele, die nicht gleichzeitig erreichbar sind.

Sören: Nicht zwangsläufig, wenn man es strukturell betrachtet. Zuerst stellt sich die Frage: Was ist überhaupt das Ziel? Das leitet man aus dem ermittelten Bedarf ab. In der klassischen Projektsteuerung gehört die Zieldefinition dazu, und als Methodik sollte man im Hinterkopf haben, dass Ziele SMART sein sollten. „Fertigstellung der Leistungsphase 3" ist je nach Projektgröße ein sehr großes Ziel, das man herunterbrechen muss.

Wie sieht ein Zielkonflikt am Beispiel aus?

Roman: Meine Motivation ist das Problem, dass ich in jedem Bauvorhaben in Leistungsphase 2, inzwischen oft schon in der 1, feststelle: Es gibt Ziele aus der Bedarfsplanung, vom Bauherrn und von anderen Beteiligten, die gegeneinander laufen. Ein schönes Beispiel: Wir haben gerade mit BNB-Vorgaben zu tun, also einem Siegel für nachhaltiges Bauen. Da gibt es klare Vorgaben auch für die TGA, zum Beispiel 30 Prozent Reserve in Schächten und Technikflächen. Wenn ich dieses Ziel erreichen will, geht das auf Kosten der Nutzfläche, weil die Bruttogeschossfläche dann mehr Technikfläche bieten muss. Da sagt der Architekt: Moment, ich habe doch ein Flächeneffizienzziel. Und schon haben wir die beiden größten Freunde, den Architekten und den TGA-Planer, im Konflikt. Der eine will Flächeneffizienz, der andere 30 Prozent Reserve. Beides ist nicht gleichzeitig erreichbar.

Sören: Das stimmt, man muss sie gegeneinander abwägen.

Roman: Genau. Und regt euch nicht über die Person auf, die ein Ziel vertritt. Man muss sich nicht streiten, man kann versuchen, Zielkonflikte zu lösen. Übrigens steht in der HOAI in Leistungsphase 2b: Der Architekt schuldet die Abstimmung der Zielvorstellungen und das Hinweisen auf Zielkonflikte. Hinweisen auf, nicht lösen von. Erlebt habe ich das ehrlich gesagt noch nie.

Wie geht man strukturiert an Zielkonflikte heran?

Sören: Häufig wird ausdiskutiert, bis jemand auf den Tisch haut und „basta" sagt.

Roman: Genau, dann hat einer gewonnen und es gibt einen Kompromiss auf Kosten des anderen Ziels.

Sören: Und der Nachgebende fühlt sich als Verlierer. Wie gehe ich also strukturiert heran? Ich nehme alle Ziele, die ich im Projekt oder zum Thema habe, und stelle sie gegeneinander. Ich mache eine Matrix mit Spalten und Zeilen auf und vergleiche jedes Ziel mit jedem anderen. Dabei hebe ich es nicht in Ja oder Nein hervor, sondern in einer Abstufung. Es gibt den klassischen Fall, dass ein Ziel das andere ausschließt, das ist die Antinomie. Es kann aber auch sein, dass ein Ziel das andere nur erschwert. Flächeneffizienz gegen 30 Prozent Reserve muss nicht schwarz-weiß sein.

Roman: Ich habe also auf der x-Achse und auf der y-Achse alle Ziele in der gleichen Struktur aufgeführt.

Sören: Genau, das ist wie eine Fußball-Tabelle: wer gegen wen spielt, nur dass man nicht gegen sich selbst antritt. Ziel 1 mit Ziel 1 kann ich nicht vergleichen, aber Ziel 1 mit Ziel 2, also Flächeneffizienz gegen 30 Prozent.

Wie formuliert man Ziele SMART?

Roman: Versuchen wir die beiden Ziele beispielhaft SMART zu formulieren, also spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert. Spezifisch und messbar wäre: 30 Prozent Reserve in allen Schächten.

Sören: Geht das überall oder grenzt man das ab?

Roman: Sagen wir 30 Prozent Reserve in allen Schächten. Attraktiv im Sinne von erreichbar wird es, wenn ich statt eines harten Werts einen Zielbereich angebe, etwa zwischen 5 und 40 Prozent Puffer. Damit wird es greifbarer. Auf der anderen Seite steht die Flächeneffizienz. Da werde ich konkret: Wir wollen 75 Prozent Nutzfläche aus der Bruttogeschossfläche erreichen, oder als Spanne zwischen 65 und 85 Prozent.

Sören: Das hängt auch vom Kontext des Gebäudes ab. Die Intention hinter den 30 Prozent Reserve ist ja, dass man das Gebäude nicht nur für einen Funktionsfall auslegt, sondern Nachrüstbarkeit ermöglicht.

Roman: Sehr spannend, so habe ich das noch nie gemacht. Wir haben jetzt zwei gegenläufige Ziele in Zahlen mit einer Spanne umformuliert und können sie gegeneinander stellen.

Was sagt die Punkteverteilung in der Matrix aus?

Sören: Wenn ich alle Ziele paarweise verglichen habe, kann es trotzdem sein, dass sie sich komplett ausschließen, also Gegenpole bilden, oder dass sie in Abstufungen miteinander verträglich sind. Vielleicht habe ich den Zielkonflikt also gar nicht, den ich befürchtet habe. Über diese Clusterung und paarweise Abwägung verteile ich Punkte zur Zielverträglichkeit: gegenläufig bis hin zu identisch, wenn zwei Ziele dasselbe in anderen Worten beschreiben, oder neutral, wenn sie sich gar nicht beeinflussen. Je nachdem, wie viele Ziele ich definiert habe, ergeben sich aus der Punkteverteilung Summen, und daraus eine Priorisierung der Ziele und ihrer Erreichbarkeit.

Roman: Also je mehr Punkte ein Ziel hat, desto …

Sören: Desto verträglicher ist es und desto eher begünstigt es andere Ziele. Und wenn ein Ziel die wenigsten Punkte hat, ist seine Erreichbarkeit am schwierigsten. Ein Beispiel: Wenn das Budget eine Million sein soll, man aber alles in Gold haben will, dann ist dieses Budgetziel mit den anderen Zielen so schwer zu erreichen und so konkurrierend, dass man es fallen lassen, neu definieren oder anpassen muss, damit es zusammenpasst.

Wie nutzt man die Methode konkret im Projekt?

Roman: Das ist hochinteressant. Wenn ich es schaffe, zu Beginn der Leistungsphase 2, wo es beim Architekten ohnehin geschuldet ist, die Zielkonflikte mit so einer Zielkonfliktmatrix und einer Zielverträglichkeit zu bewerten, dann kann ich mir die besonders komplizierten herauspicken und nochmal hinterfragen. Bei BNB könnte ich sagen: Ihr wollt nur eine bestimmte Punktzahl erreichen, dieses Ziel bereitet uns allen Probleme, lasst es uns herauskicken. Ich habe gerade die Idee, eine Zielverträglichkeitsprüfung vom BNB-Berater einzufordern.

Sören: Das gibt Aufschluss darüber, ob die Ziele, die ich aus dem täglichen Doing ableite, noch zur Vision des Gebäudes passen, etwa dem Anspruch, das Nachhaltigste zu bauen. Die Methode soll diese emotionale Sache standardisieren und eine Abstufung schaffen, ob ein Ziel unverträglich oder nur kritisch ist.

Roman: Noch eine Idee, du lehrst ja an der HCU zu dem Thema: Wenn ich besonders unverträgliche Ziele in eine Spanne gebracht habe, etwa einen Schachtpuffer zwischen 5 und 35 Prozent, könnte ich als Nächstes eine Sensitivitätsanalyse machen. Ich frage: Wie viel kostet mich ein Prozent mehr Puffer im Schacht an Flächeneffizienz? Das kann man geometrisch ausrechnen. Wenn alle Schächte zusammen 500 Quadratmeter haben, schafft mehr Puffer Quadratmeter, und ich kann den Quadratmeter in Euro belegen.

Sören: Damit wird der Konflikt, der auf den ersten Blick gar nicht sichtbar ist, verifizierbar und belegbar. Wichtig ist: Das ist nicht abgeschlossen, sondern eine Momentaufnahme. Ziele ändern sich und werden im Projektverlauf anders priorisiert.

Roman: Ich könnte mir gut vorstellen, das Thema an der TGA-Bar weiter zu pflegen. Ich weiß aus sicheren Quellen, dass in der nächsten HOAI die Leistung „Hinweisen auf Zielkonflikte" auch bei uns TGA-Planern auftauchen wird, das meine ich in der aktuellen Synopse gelesen zu haben. Wir könnten eine Vorlage für eine Zielverträglichkeitsprüfung schaffen und vielleicht ein kleines Seminar dazu machen. Fordert eine Zielverträglichkeitsprüfung von der Architektur in der Leistungsphase 2 ein, ganz zu Beginn. Ihr möchtet über Ziele sprechen, nicht euch emotional streiten.

Sören: Das mit Zahlen, Daten, Fakten zu belegen, ist eigentlich immer verträglich.

Roman: Wir freuen uns, dass ihr zugehört habt. Bis später.

Häufige Fragen zu dieser Folge

Was ist ein Zielkonflikt in der Bauplanung?

Ein Zielkonflikt liegt vor, wenn zwei Ziele nicht gleichzeitig erreichbar sind. Typisch ist der Konflikt zwischen Flächeneffizienz (Ziel des Architekten) und einer geforderten Reserve in Schächten und Technikflächen (Ziel der TGA), weil mehr Technikfläche zulasten der Nutzfläche geht.

In welcher Leistungsphase treten Zielkonflikte typischerweise auf?

Meist in Leistungsphase 2, zunehmend schon in Leistungsphase 1. Laut HOAI schuldet der Architekt in Leistungsphase 2b die Abstimmung der Zielvorstellungen und das Hinweisen auf Zielkonflikte, nicht jedoch deren Lösung.

Wie geht man strukturiert mit Zielkonflikten um?

Man trägt alle Ziele in einer Matrix auf x- und y-Achse auf und vergleicht jedes Ziel paarweise mit jedem anderen. Statt einer Ja-Nein-Bewertung wird eine Abstufung vergeben, die von ausschließend (Antinomie) über erschwerend und neutral bis identisch oder begünstigend reicht.

Was bedeutet es, Ziele SMART zu formulieren?

SMART steht für spezifisch, messbar, attraktiv, realistisch und terminiert. Im Beispiel werden statt harter Werte Zielbereiche gebildet: etwa 5 bis 40 Prozent Reserve im Schacht und 65 bis 85 Prozent Nutzflächenanteil aus der Bruttogeschossfläche. Spannen machen Ziele greifbarer und besser erreichbar.

Was sagen die Punktsummen in der Zielverträglichkeitsmatrix aus?

Je mehr Punkte ein Ziel erhält, desto verträglicher ist es und desto eher begünstigt es andere Ziele. Ein Ziel mit den wenigsten Punkten ist am schwersten erreichbar und muss gegebenenfalls fallen gelassen, neu definiert oder angepasst werden.

Wie lässt sich ein Zielkonflikt quantitativ bewerten?

Über eine Sensitivitätsanalyse: Man fragt, wie viel ein Prozent mehr Puffer im Schacht an Flächeneffizienz oder in Euro kostet. Bei beispielsweise 500 Quadratmetern Schachtfläche lässt sich der zusätzliche Flächenbedarf geometrisch ausrechnen und in Euro bewerten, sodass der Konflikt belegbar wird.

Wozu dient die Zielverträglichkeitsprüfung im Projekt?

Sie standardisiert die meist emotionale Zieldiskussion und macht sichtbar, ob die aus dem Tagesgeschäft abgeleiteten Ziele noch zur Vision des Gebäudes passen. Sie ist eine Momentaufnahme, da Ziele sich im Projektverlauf ändern und neu priorisiert werden.

Zitate

Ein Zielkonflikt sind zwei Ziele, die nicht gleichzeitig erreichbar sind."

Roman Fritsches

Man muss sich nicht streiten. Man kann versuchen, Zielkonflikte zu lösen."

Roman Fritsches

Hinweisen auf, nicht lösen von. Erlebt habe ich das ehrlich gesagt noch nie."

Roman Fritsches

Je mehr Punkte ein Ziel hat, desto verträglicher ist es und desto eher begünstigt es andere Ziele."

Sören Janson

Zahlen & Fakten

BNB-Vorgaben fordern für die TGA 30 Prozent Reserve in Schächten und Technikflächen.

Quelle: BNB

Als SMART formulierter Zielbereich für die Reserve im Schacht wird beispielhaft 5 bis 40 Prozent Puffer genannt.

Als beispielhaftes Flächeneffizienzziel werden 75 Prozent Nutzfläche aus der Bruttogeschossfläche genannt, als Spanne 65 bis 85 Prozent.

Laut HOAI schuldet der Architekt in Leistungsphase 2b die Abstimmung der Zielvorstellungen und das Hinweisen auf Zielkonflikte.

Quelle: HOAI

Glossar

Antinomie
Fall, in dem ein Ziel das andere vollständig ausschließt (Gegenpole).
Sensitivitätsanalyse
Untersuchung, wie stark sich eine kleine Änderung eines Ziels (z. B. ein Prozent mehr Schachtpuffer) auf ein anderes Ziel auswirkt, etwa in Quadratmetern Flächeneffizienz oder in Euro.
SMART-Ziel
Ziel, das spezifisch, messbar, attraktiv (erreichbar), realistisch und terminiert formuliert ist; im Beispiel mit Zielbereichen statt harter Werte.
Zielkonflikt
Situation, in der zwei Ziele nicht gleichzeitig erreichbar sind und gegeneinander abgewogen werden müssen.
Zielverträglichkeitsprüfung
Methode, bei der alle Projektziele in einer Matrix paarweise verglichen und mit Punkten nach ihrer Verträglichkeit abgestuft werden, um Prioritäten und schwer erreichbare Ziele sichtbar zu machen.
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