TGA-Planung › Fachplaner TGA-Planung › Folge #312
tgabar · BargesprächeWSR, Meister der Automatisierungstechnik
Claudius Schade ist Handwerksmeister für Automatisierungstechnik und leitet die Niederlassung der WSR GmbH & Co. KG in Neumarkt in der Oberpfalz, einem Büro für die kabelgebundenen Gewerke. Im zweiten Interview der TGA-Podcast-Challenge berichtet er, wie ihm das Netzwerk der tgabar e.V. faire Projektpartner auf Augenhöhe bringt und wie die Lounge GA an einer praxistauglichen Standardleistungsbeschreibung arbeitet.
Transkript
Wer ist der Gast und woher kommt er?
Roman: Herzlich willkommen bei der TGA-Bar. Heute im Interview: Claudius Schade, WSR GmbH & Co. KG. Wir haben wieder ein Interview in unserer Podcast-Challenge. Sören, herzlich willkommen, du bist wieder in der Bar, und wir haben einen Gast. Claudius, grüß dich.
Claudius: Servus.
Roman: Du bist unser zweiter Interviewpartner in der Podcast-Challenge. Der erste war George aus Baden-Württemberg, und jetzt kommt Bayern.
Claudius: Ich komme aus Neumarkt in der Oberpfalz, das liegt geografisch ziemlich mittig in Bayern. Von daher können wir hier alles gut erreichen.
Roman: Und es gibt ziemlich viele Blitzeinschläge bei euch, habe ich gehört.
Claudius: Wir haben hier sehr gewitterreiche Jahre. Und dadurch entwickeln sich Industrien. Wir haben hier im Landkreis viele wirtschaftlich starke Unternehmen sitzen, unter anderem die Firma DEHN SE als Weltmarktführer für Überspannungsschutztechnik.
Roman: Dein Büro WSR plant hauptsächlich Elektro?
Claudius: Wir planen die kabelgebundenen Gewerke, die Kostengruppen 440, 450, 460 und 480. Da sind wir zu Hause als WSR GmbH & Co. KG. Wir in Neumarkt sind nur eine Niederlassung. Der Hauptsitz ist in Essenfeld bei Würzburg, da sitzen die meisten meiner Kollegen. Wir hier sind sehr klein und gemütlich.
Was bedeutet der Meistertitel für Automatisierungstechnik?
Roman: Du bist Meister für Gebäudeautomation?
Claudius: Fast korrekt. Ich glaube, mein Meistertitel ist der längste, den es gibt: Ich bin Handwerksmeister für Automatisierungstechnik und Systemelektronik. Zu meiner Zeit gab es die Bereiche Gebäudetechnik, Automatisierungstechnik und Funktechnik.
Roman: Du hast die Ausbildung bei einer ausführenden Firma gemacht?
Claudius: Ich habe meinen Meister in Vollzeit gemacht, in jungen Jahren, was ich nicht bereue. Als ich die Abschlussprüfung geschrieben habe, kam der erste Teilzeitmeisterkurs mit uns in die Prüfung — ein dreijähriger Kurs. Wir haben das Ganze in neun, zehn Monaten gemacht. Sehr kompakt, aber gut zu bewältigen.
Roman: Und dann bist du nach dem Meister ins Facility Management gegangen?
Claudius: Ich war in meinem Unternehmen unterhalb der Geschäftsführung, wollte aber mehr lernen und weiterkommen. Ich bin dann zu einem Kunden in den Facility-Management-Bereich gewechselt und habe dort die Gebäudeautomation deutschlandweit betreut — eine Gebäudeleittechnik mit 30 Liegenschaften, von Ulm nach Hamburg, Berlin und in den Osten. Als junger Mann konnte ich viel von Deutschland sehen. Mit dem ersten Kind waren 60.000 Kilometer im Jahr nicht mehr tragbar, deswegen bin ich in die Ingenieurdienstleistung gewechselt.
Roman: Hier in der Planung ist es ja ruhig. Arbeitsplatz immer schön warm, kein Stress — außer wenn man auf die Baustelle muss.
Claudius: Ich sage immer, das sind unsere besten Projekte, die wir schön durchgeplant haben, aber nie umgesetzt werden. Da hat man keinen Stress in der Ausführung, ressourcenschonend.
Roman: Wir haben festgestellt, dass wir drei hier zusammen zwölf Kinder haben. Und ich habe gelernt, dass du bei LinkedIn als Thermomix-Fan giltst.
Claudius: Wir haben zu unserer Hochzeit vor zehn Jahren einen Thermomix bekommen. Ich musste über den Beitrag von Christopher sehr schmunzeln. Seit diesem Jahr bin ich auf Instagram, und als der neue Thermomix herauskam, habe ich ihn in einem schwachen Moment bestellt.
Welchen Nutzen hat die tgabar für Claudius?
Roman: Du bist seit Anfang an dabei, als Gründer und Barkeeper. Welchen Nutzen hatte die TGA-Bar für dich?
Claudius: Es sind jetzt bald zwei Jahre. Mich begeistert das Netzwerk nach wie vor. Man trifft immer wieder motivierte Menschen mit ähnlichem Mindset, die etwas bewegen wollen und nicht zu kompliziert im Kopf sind. Gerade für mich als jüngeren Menschen ist der Zugang zu vielen Geschäftsführern und fachlich erfahrenen Leuten wertvoll — da kann man viel Wissen rausziehen. Ich habe mein Netzwerk stark ausgebaut und viele Geschäftspartner gefunden, mit denen man auf Augenhöhe und auf fairer Ebene arbeiten kann. Man muss hier nicht betteln; man findet gute Projektpartner, weil wir alle am selben Strang ziehen.
Was macht die Lounge GA im Verein?
Sören: Du gibst auch viel in den Verein rein. Du bist nicht nur Gründungsmitglied, sondern auch Lounge-Leiter GA. Was macht ihr da?
Claudius: Die Lounge GA ist eine der ersten, wenn nicht die erste. Wir beschäftigen uns mit fachlichem Austausch. Wir hatten in den letzten Jahren eine richtige Revolution, was unsere Norm angeht, und tauschen uns aus, wie man mit der neuen VDI 3814 umgeht. Gerade vergleichen wir die Softwarelösungen am Markt — im GA-Bereich gibt es eigentlich nur drei gute, vielleicht fünf insgesamt, danach ist man Richtung Visio-Ausgabe und Excel-Tool. Außerdem kooperieren wir seit kurzem mit der BGU, das bringt uns Richtung Europa- und Weltnormen. Und wir arbeiten an einer Standardleistungsbeschreibung, die man als Vertragsgrundlage anhängen kann. Weil die HOAI ein reines Honorarrecht ist, wird die Leistung immer im Nachgang diskutiert. Dazu schreiben wir ein Paper, das wir intern verabschieden und als Vereinsdokument nutzen wollen.
Warum braucht die GA-Planung ein praxistauglicheres Leistungsbild?
Roman: Die VDI 3814 ist ein Leistungsbild, das auch in der VDI 6026 dargestellt ist. Ihr macht ein Alternatives dazu?
Claudius: Es ist in Anlehnung. Aber es gibt viele Grundleistungen in der 3814, die aus unserer Sicht nicht praxistauglich sind. Bei speziellen Großprojekten, wo alles bis ins Detail ausgeplant wird, kann man damit arbeiten. Aber rund 80 Prozent der Projekte sind sehr dynamisch, gerade in der privaten Wirtschaft, und laufen nicht nach dem klassischen Wasserfall-HOAI-Planungsprozess. Da ist es sinnvoll, die Leistungen auf das Wesentliche zu beschränken. In der 3814 soll man in Leistungsphase 5 eine Art grafische Programmierung machen, Zustandsgraf und Co. — da scheiden sich in unserer Lounge die Geister, ob das zielführend ist. Die Beschreibung von Funktionen macht Sinn, kann aber auch in Prosa oder Kurzbeschreibungen erfolgen. Ich habe letztes Jahr ein großes Laborgebäude mit sieben Stockwerken abgeschlossen und eine Funktionsbeschreibung von rund 400 Seiten geschrieben. Die ausführende Firma hat sie bei der Angebotsabgabe exkludiert und nicht als Vertragsgrundlage akzeptiert, weil es ihnen zu viel war. Daher muss man sich fragen, welche Dokumente wirklich zielführend sind — oder ob nicht eine intensivere Bauüberwachung und Abnahmebegleitung sinnvoller ist.
Claudius: Als einer der wenigen Nicht-Akademiker in unserem Kreis lehne ich die Planung eher an die Baustelle an und nicht ausschließlich an Normen. Ich habe die Normenwelt lieben gelernt, aber man muss den Schulterschluss zur Praxis finden.
Wie ergänzen sich Elektro- und HLS-Planung im Netzwerk?
Roman: Daniel plant HLSK, also Anlagengruppen 1 bis 3. Du bist das Gegenstück dazu. Habt ihr durch die Bar mehr Austausch zwischen Elektro- und HLS-Planern?
Claudius: In den meisten Planungsteams sind HLS-Planer und Elektroplaner nicht die besten Freunde. Eine gemeinsame Basis zu finden, das Projekt gut zu koordinieren und Schnittstellen sauber abzuklären — da bringt mir die tgabar etwas. Die Leute, die hier mitwirken, sind einfach fitter und bringen mehr Elan mit als in öffentlichen Projekten, wo man sich die Projektpartner nicht aussuchen kann. Das ist aber nur meine persönliche Erfahrung.
Roman: Diese kulturelle Nähe fehlt bei Zufallsbekanntschaften. Eine öffentliche Ausschreibung ist eine Zufallsbekanntschaft, mit dem Architekten wie mit dem Bauherrn.
Claudius: Du kriegst irgendwelche Leute aus Europa oder Deutschland, und mit denen musst du dann leben. Ob du gut mit ihnen arbeiten kannst, ist Glückssache.
Wie will WSR die Gebäudeautomation ausbauen?
Roman: Ich habe gelernt, ihr werdet euch bei WSR noch spezialisieren, mit einer eigenen Tochter?
Claudius: Wir haben schon eine Tochter weiter südlich in Bayern, die Firma Siemen Engineering, die auch Elektroplanung macht, nur regional anders aufgestellt. Und wir haben jetzt eine Gebäudeautomations-Fachfirma gegründet, die noch in der Ausarbeitung ist. Mit der gehen wir zeitnah an den Markt, da werde ich als Geschäftsführer auftreten. Als GA-Fachplaner hat man einen anderen Markt, als wenn man eine Abteilung in einem Elektroplanungsbüro ist. Wenn mich ein anderer Elektrofachplaner beauftragt, hat man Hemmungen, einen zweiten Elektrofachplaner zu holen, der auch GA kann — es gibt ein Konkurrenzthema. Dem kann man entgegnen, dass diese Firma nur Gebäudeautomation macht und wir als WSR-Gesamt auftreten, wenn größere Projekte alle unsere Kostengruppen betreffen.
Roman: Du hilfst uns auch bei der Energietechnik- bzw. Anlagenautomation.
Claudius: Anlagenautomation würde ich es nennen. Für mich als GA-Fachmann ist das ähnlich — ich denke in Datenpunkten. Ob die Pumpe 30 Kilowatt oder 200 Watt hat, ist für mich ähnlich: Ich muss sie einschalten und mit einer Betriebsmeldung überwachen. Im elektrischen Aufbau arbeitet man etwas anders, aber die Größe der Anlagen ist eigentlich egal, wenn man in Regelkreisen und Datenpunkten denkt.
Roman: Was ist dein Lieblingsprojekttyp?
Claudius: Wir bei WSR sind sehr spezialisiert. Wir machen viele Krankenhäuser mit sicherer Stromversorgung, jetzt auch bis hin zur Gebäudeautomation, sowie Labortechnik. Wir sind stark in öffentlichen Gebäuden vertreten, etwa seit Jahren am Landtag bei der Generalsanierung in München, und haben jetzt eine große Festung im Denkmalbereich übernommen. Das sind unsere Lieblinge.
Wo sieht Claudius die tgabar in fünf Jahren und wen schlägt er als Nächsten vor?
Roman: Wo siehst du die tgabar in fünf Jahren?
Claudius: Wir sind jetzt ungefähr bei 100 Mitgliedern. Ich würde mich freuen, wenn wir in fünf Jahren Richtung vierstelligen Bereich gehen. Wenn alle den Mehrwert erkennen, ist die Hemmschwelle nicht so groß — man kann ja nur profitieren. Der Traum war von Anfang an ein übergeordneter Ressourcenaustausch: Wenn ein Büro gerade ruhiger unterwegs ist und ein anderes viel Stress hat, kann man sich kurzfristig austauschen und den Rivalitätsgedanken verlieren. Arbeit werden wir die nächsten Jahre mehr als genug haben.
Roman: Das ist eine wunderbare Überleitung zu unserem nächsten Barcamp am 15. und 16. Mai in Berlin. Diesmal wird es ein Bootcamp: Letztes Mal haben wir kreativ Ideen gesammelt, diesmal arbeiten wir sie in die Tiefe aus. Als Sneak Preview: Wir konzentrieren uns am Anfang darauf, wer wir sind, wo wir sitzen und was wir können, und gestalten daraus eine interaktive Landkarte. Im nächsten Schritt wollen wir gemeinsam Kapazitätsplanung machen — ich träume von einer monatlichen freien Sprechstunde, in der man büroübergreifend Kapazitäten abgleicht.
Roman: Wen würdest du als Nächsten für die Podcast-Challenge 2025 vorschlagen?
Claudius: Ich habe vor kurzem in meiner Lounge ein Mitglied aus der Firma Planungsgruppe VA begrüßt und würde gerne Jochen Streich nominieren.
Roman: Jochen Streich. Wir rutschen von Bayern nach Hannover, also Niedersachsen.
Sören: Jeder, der Jochen Streich kennt, kann ihn animieren, diese Folge zu hören und sich bei uns zu melden.
Roman: Jochen, wir wollen dich interviewen. In der Lounge-Ausbildung ist er schon sehr aktiv. Super, Claudius, vielen Dank — der Herr der Gebäudeautomation. Schönen Gruß nach Neumarkt, wenig Gewitter und viel Spaß mit dem Thermomix.
Häufige Fragen zu dieser Folge
Welche Gewerke plant die WSR GmbH & Co. KG?
WSR plant die kabelgebundenen Gewerke, konkret die Kostengruppen 440, 450, 460 und 480. Der Hauptsitz liegt bei Würzburg; die Niederlassung in Neumarkt in der Oberpfalz ist kleiner aufgestellt.
Woran arbeitet die Lounge GA der tgabar e.V.?
Die Lounge GA pflegt fachlichen Austausch zur neuen VDI 3814, vergleicht die am Markt verfügbaren GA-Softwarelösungen und erarbeitet eine praxistaugliche Standardleistungsbeschreibung als mögliche Vertragsgrundlage. Außerdem kooperiert sie mit einer weiteren Organisation in Richtung Europa- und Weltnormen.
Warum hält Claudius Schade die VDI 3814 nicht in allen Punkten für praxistauglich?
Die VDI 3814 enthält Grundleistungen, die nur bei detailliert ausgeplanten Großprojekten passen. Rund 80 Prozent der Projekte sind dynamisch und folgen nicht dem klassischen Wasserfall-HOAI-Prozess. Umfangreiche Funktionsbeschreibungen werden von ausführenden Firmen teils gar nicht als Vertragsgrundlage akzeptiert.
Zitate
„Das sind unsere besten Projekte, die wir schön durchgeplant haben, aber nie umgesetzt werden."
— Claudius Schade
„Man findet hier gute Projektpartner, mit denen man auf Augenhöhe und auf fairer Ebene arbeiten kann."
— Claudius Schade
„Als einer der wenigen Nicht-Akademiker in unserem Kreis lehne ich die Planung eher an die Baustelle an und nicht ausschließlich an Normen."
— Claudius Schade
„Wenn man in Regelkreisen denkt, in Datenpunkten denkt, ist die Größe der Anlagen eigentlich egal."
— Claudius Schade
Zahlen & Fakten
WSR plant die kabelgebundenen Gewerke der Kostengruppen 440, 450, 460 und 480.
Quelle: Claudius SchadeClaudius Schade betreute im Facility Management eine Gebäudeleittechnik mit 30 deutschlandweit angeschlossenen Liegenschaften und fuhr dabei rund 60.000 Kilometer im Jahr.
Quelle: Claudius SchadeIm GA-Bereich gibt es laut Claudius Schade nur etwa drei gute Softwarelösungen, insgesamt rund fünf.
Quelle: Claudius SchadeRund 80 Prozent der Projekte sind dynamisch und folgen nicht dem klassischen Wasserfall-HOAI-Planungsprozess.
Quelle: Claudius SchadeFür ein Laborgebäude mit sieben Stockwerken schrieb Claudius Schade eine Funktionsbeschreibung von rund 400 Seiten, die die ausführende Firma bei der Angebotsabgabe exkludierte.
Quelle: Claudius SchadeDie tgabar e.V. hat aktuell ungefähr 100 Mitglieder.
Quelle: Claudius SchadeGlossar
- Lounge GA
- Fachgruppe der tgabar e.V. zur Gebäudeautomation; eine der ersten Lounges, die sich u.a. mit der VDI 3814, GA-Software und einer Standardleistungsbeschreibung beschäftigt.