tgaPULS

TGA-PlanungAus- und Weiterbildung für die TGA-PlanungFolge #319

tgabar · Bargespräche

Hochschulen an die Bar

Folge 31909.05.202514:16 minRoman FritschesGast: Prof. Martin Vielhauer
0:00 / 14:16
Spotify
Auf den Punkt

Die Energie- und Gebäudetechnik gewinnt trotz Klimathemen wie Fridays for Future kaum neue Studierende. Lösungsansätze sind: Curricula umbauen und Gebäudetechnik früher in den ersten Semestern verankern, Schülerinnen und Schüler über Girls' Day, Schulpraktika und konkrete Bauvorhaben begeistern, duale Studiengänge stärken und Studienabbrecher gezielt in verwandte Ausbildungsberufe wie die Technische Systemplanung überführen.

Transkript

Warum gewinnt die Energie- und Gebäudetechnik trotz Klimathemen kaum neue Studierende?

Roman: Herzlich willkommen an der TGA-Bar. Heute geht es um Hochschulen an die Bar — wieder von der Energie vernetzt aus München. Martin, du bist schon wieder hier. Es ist schwer, dich zu kriegen, du kennst hier viele Menschen und bist beliebt, die Leute reden gerne mit dir. Du bist jetzt gerade an der TGA-Bar als Hochschullehrer. Was uns aber eigentlich bewegt, ist die Frage: Wie kriegen wir Schüler an die Hochschulen?

Martin: Schwieriges Thema. Wir kämpfen seit Jahren um Studierende. Wenn man es sich in der Statistik anschaut, haben wir einen relativ gleichmäßigen Fluss — aber es wird einfach nicht mehr. Das ist für uns verwunderlich. Eigentlich sollte man meinen, dass man gerade über Themen wie Klimawandel und Fridays for Future mehr junge Leute motiviert bekommt, Energie- und Gebäudetechnik zu studieren. Aber einen verstärkten Zufluss an die Hochschule stellen wir nicht fest.

Roman: Fridays for Future fand ich ein sehr spannendes Thema — das begann 2017, 2018. Ich dachte damals: perfekt, das ist doch genau unsere Zielgruppe. Das sind Menschen, die nachhaltig die Zukunft gestalten und weniger CO2 emittieren wollen. Und wenn man weiß, dass die Baubranche der größte CO2-Emittent und größte Müllproduzent ist und wir für die Technik im Betrieb hauptsächlich verantwortlich sind, dann sind wir die großen Beeinflusser.

Martin: Auch für uns sehr verwunderlich. Wir sind einer der Studiengänge mit einer direkten Verknüpfung zwischen Nachhaltigkeit, Energieeinsparung, Energieeffizienz und gebauter Umwelt. Normalerweise müsste man uns die Tür eintreten, aber das ist nicht der Fall. Es gibt natürlich auch viele neue Studiengänge wie nachhaltiges Bauen oder klimagerechtes Bauen, die stärker nach Nachhaltigkeit klingen, als die klassische Energie- und Gebäudetechnik das im Titel transportieren kann. Dazu gibt es bei uns an der Hochschule intensive Diskussionen, wie man den Zufluss erhöhen könnte.

Wie viele Studierende kommen am Ende durch?

Roman: Das, was Fridays for Future getrieben hat, waren die Zehnt- bis Zwölftklässler bis zum Abitur, die durften sich freitags selbst entschuldigen. Diese Zielgruppe war trotz der Thematik nicht so einfach zu erreichen.

Roman: Du sagst, die Zahlen sind stabil geblieben — zwischen 120, 130, 140 zu Studienbeginn, und am Ende kommen 35 beim Bachelor raus.

Martin: Genau, etwa 35. Es schwankt ein bisschen, man hat auch Nachzügler, aber es ist schade, dass von dem großen Anfangsblock nicht so viele bis zum letzten Semester durchkommen. Die Hochschule hat darauf schon reagiert.

Wie macht der Studiengang den Einstieg attraktiver?

Martin: Früher, als ich noch studiert habe, hatte ich in den ersten zwei Semestern sehr viel Mathe, Physik, Chemie und Werkstoffkunde — das ist für den Anfang zäh. Es sind wichtige Grundlagen, die kann man nicht einfach streichen. Aber meine Kollegen haben begonnen, das Curriculum umzubauen, um den ersten Schritt in die Gebäudetechnik zu erleichtern: Wir haben Fächer wie Grundlagen der Gebäudetechnik nach vorne gezogen, sodass die Studierenden frühzeitiger mit Themen wie Energetik, Energieeffizienz und Wärmepumpen in Berührung kommen. Wir haben auch Gastvortragende aus der Wirtschaft, die zeigen, was man danach machen kann — damit man frühzeitig eine Motivation hat, weiterzumachen, und nicht sagt: Das ist ja nur Mathe und Physik.

Was bringt das Berufsfeld der Energie- und Gebäudetechnik?

Martin: Wenn man es runterbricht — Heizung, Sanitär, Lüftung — hört sich das im ersten Schritt vielleicht nicht so spannend an. Aber wir arbeiten in sehr vielen Bereichen, das Berufsfeld ist riesig. Wenn ich mir anschaue, was allein meine ehemaligen Studienkollegen an Unternehmen gegründet haben oder führen, ist das so breit gefächert. Es gab immer das Gerücht — und wahrscheinlich ist es keins —, dass wir die letzten 40 Jahre keinen Arbeitslosen hatten. Umso erstaunlicher, dass Studiengänge wie Maschinenbau oder solche, die mit der Automobilindustrie verlinkt sind, massiven Zulauf haben, während wir in der Gebäudetechnik daran nicht partizipieren.

Wie geht die Hochschule mit Studienabbrechern um?

Roman: Mich interessiert, wie du mit Studienabbrechern umgehst — habt ihr eine eigene Organisation dafür? Bei 130 zu 35 sind das ja zwei Drittel, die gehen.

Martin: Ehrlich gesagt kenne ich mich da noch zu wenig aus, ich bin erst seit 1. Oktober dabei. Wir wissen, dass wir Leute auf dem Weg verlieren. Ich habe das Gefühl, dass sich die Professoren intensiv um die Studierenden bemühen — und mit 35 oder 40 Studierenden ist die Betreuung einfacher als mit 300 oder 400. Aber woran es überall liegt, kann ich nicht sagen.

Roman: Das Schöne ist: Wir haben den verwandten Ausbildungsgang Technische Systemplanung. Der ist als Ausbildung sehr nah dran und eine grandiose Voraussetzung, um später Fachplanung zu machen. Vielleicht wäre da eine Kooperation interessant — wenn jemand abbrechen will, redet man mit Unternehmen, die diese Ausbildungsberufe anbieten, vielleicht auch mit der Berufsschule.

Welche Rolle spielen duale Studiengänge?

Martin: Die Hochschule bietet auch ein duales Studium an, das wird genutzt. Ich halte das für einen extrem guten Ansatz: Du kriegst die Praxis mit, kannst handwerklich und akademisch abschließen und bist danach ein ausgezeichnet ausgebildeter Ingenieur mit Praxisbezug.

Roman: Was ist der Ausbildungsteil — Systemplanung?

Martin: Ich glaube, es ist nicht die Systemplanung, sondern eher Heizung, Lüftung, Sanitär — so weit stecke ich noch nicht drin, aber so habe ich es im Kopf, die Kombination aus beidem.

Roman: Spannend. Bei so einer dualen Ausbildung schaffst du es, Leute zu perfekten Wissenden auszubilden — oder sie abzufangen, wenn sie sagen: Ich habe keine Lust mehr auf das Studium, ich mache nur eine Ausbildung. Vielleicht ist das mit 19 oder 20 gar kein Problem, man steckt drei Jahre in eine Ausbildung und studiert danach noch — oder auch nicht.

Martin: Kann man auch. Wir haben auch Meister und Gesellen, die danach nochmal anfangen zu studieren. Die gehen mit einer ganz anderen Vorbildung ins Studium und nehmen zum Teil viel mehr mit, als wenn du direkt vom Abi in die Energie- und Gebäudetechnik startest. Das merke ich an den Fragen und daran, wie sie damit umgehen. Ich freue mich sehr, wenn wir Leute aus dem Handwerk in die Studiengänge rüberbekommen.

Wie erreicht man Schülerinnen und Schüler in ihrem Entscheidungsprozess?

Roman: Wir müssen uns fragen, welche Schüler wir wann in ihrem Entscheidungsprozess abgreifen — und der ist komplex. Bei meinem Großen, der ist 14, wird 15, fragt sich der schon die ganze Zeit, was er machen will, mal auch nicht. Meine Zwölfjährige weiß es schon ziemlich genau und sagt, sie würde Juristin werden. An der richtigen Stelle einzugreifen, ist ein Thema. Ich kenne verschiedene Wege: Wir nutzen immer wieder den Girls' Day, da schnuppern meist Sechstklässlerinnen einen Tag rein, und die Büros überlegen sich ganz tolle Sachen. Wir haben dieses Jahr mit etwa 25 Standorten in Deutschland eine Einführungsveranstaltung gemacht, bei der jedes Büro in seiner Stadt zeigen durfte, welche tollen Bauvorhaben es umgesetzt hat. Ich bin live mit Google Maps durch Deutschland gerannt und habe mir diese Bauvorhaben angeschaut. Ich habe das Gefühl, da packen wir die Schülerinnen: meine Stadt oder meine Umwelt gestalten, mitbauen, besser machen als vorher. Das motiviert anscheinend stärker als die Idee, ich reduziere den CO2-Abdruck.

Martin: Vielleicht. Ich finde es auch toll, wenn du durch deine Stadt fährst und weißt, du warst an dem Bauvorhaben beteiligt oder hast ein Gebäude für die Zukunft optimiert — das ist ein schönes Gefühl. Die Herausforderung ist, das wirklich zu transportieren und mehr Studierende Richtung Energie und Gebäude umzuleiten. Aber es gibt heute so viele Möglichkeiten, die Studienfächer sind vielfältig und interessant — klar ist die Entscheidung schwierig.

Wie können sich Verein und Unternehmen aufstellen?

Roman: Der Girls' Day war ein Thema. Wir versuchen es jetzt vielleicht mit Schulpraktika — die sind ab der achten Klasse ein Thema, drei Wochen bei den Ingenieurbüros. Vielleicht müssen wir uns dafür als Verein besser aufstellen. Und das letzte Thema wären die Abiturklassen: Die Hälfte weiß mit 18, 19, 20 nicht, was sie machen will. Aber dafür brauchen wir die Unternehmen, das kann die Hochschule allein nicht leisten — sie kann auch nicht so gut für das Ergebnis begeistern, wenn sie nur die Lehre hat, aber nicht die Projekte.

Martin: Wenn du dich hier umschaust: Es sind zwischen 42 und 45 Büros beziehungsweise potenzielle Arbeitgeber hier an der Messe, die sich sehr um die Studierenden bemühen. Mich freut, dass so viele Geschäftsführer da sind und sich intensiv mit den Studierenden unterhalten. Die Branche versucht viel und sucht den Kontakt — aber wir sind halt wenige.

Roman: Wir streiten uns um dieses knappe Gut. Etwa 350 sollten es ungefähr an Studierenden sein. Lass uns lieber gemeinsam neue suchen oder die Abbrecher wieder in die Büros kriegen. Martin, vielen Dank für diesen ersten Einblick zum Thema Hochschulen — ich bin mir sicher, wir hören uns nochmal. Viel Spaß auf der Energie vernetzt.

Häufige Fragen zu dieser Folge

Warum gewinnt die Energie- und Gebäudetechnik trotz Klimathemen wie Fridays for Future kaum neue Studierende?

Obwohl der Studiengang eine direkte Verknüpfung zwischen Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und gebauter Umwelt bietet, bleibt der Zustrom stabil, aber niedrig. Ein Grund ist, dass neuere Studiengänge wie nachhaltiges oder klimagerechtes Bauen stärker nach Nachhaltigkeit klingen, als die klassische Energie- und Gebäudetechnik das im Titel transportieren kann.

Wie viele Studierende schließen das Studium der Energie- und Gebäudetechnik tatsächlich ab?

Von etwa 120 bis 140 Studierenden zu Studienbeginn kommen am Ende rund 35 beim Bachelor an — also etwa zwei Drittel brechen auf dem Weg ab.

Wie wird der Studieneinstieg in die Gebäudetechnik attraktiver gemacht?

Das Curriculum wurde umgebaut: Fächer wie Grundlagen der Gebäudetechnik wurden nach vorne gezogen, sodass Studierende frühzeitiger mit Energetik, Energieeffizienz und Wärmepumpen in Berührung kommen. Zusätzlich zeigen Gastvortragende aus der Wirtschaft, was nach dem Studium möglich ist — damit die anfängliche Mathe- und Physik-Last nicht demotiviert.

Welchen Vorteil bietet ein duales Studium in der Energie- und Gebäudetechnik?

Das duale Studium verbindet Praxis und Theorie: Man kann handwerklich und akademisch abschließen und ist danach ein gut ausgebildeter Ingenieur mit Praxisbezug. Auch Meister und Gesellen, die danach studieren, nehmen mit ihrer Vorbildung oft mehr mit als jemand, der direkt nach dem Abitur startet.

Wie lassen sich Studienabbrecher auffangen?

Über den verwandten Ausbildungsgang Technische Systemplanung, der eine gute Voraussetzung für spätere Fachplanung ist. Wenn sich ein Abbruch abzeichnet, könnte man mit Unternehmen, die solche Ausbildungsberufe anbieten, und mit Berufsschulen kooperieren, um die Person dort weiterzuführen.

Mit welchen Wegen versucht man, Schülerinnen und Schüler für den Studiengang zu begeistern?

Genannt werden der Girls' Day (Schnuppertag, meist für Sechstklässlerinnen), Schulpraktika ab der achten Klasse in Ingenieurbüros und die direkte Ansprache von Abiturklassen. Besonders wirksam scheint, Bauvorhaben aus der eigenen Stadt zu zeigen — das Motiv, die eigene Umwelt mitzugestalten, motiviert offenbar stärker als das abstrakte Klimaschutz-Argument.

Zitate

Normalerweise müsste man uns die Tür eintreten, aber das ist nicht der Fall."

Prof. Martin Vielhauer

Es gab immer das Gerücht — und wahrscheinlich ist es keins —, dass wir die letzten 40 Jahre keinen Arbeitslosen hatten."

Prof. Martin Vielhauer

Meine Stadt gestalten, mitbauen, besser machen als vorher — das motiviert anscheinend stärker als die Idee, ich reduziere den CO2-Abdruck."

Roman Fritsches

Zahlen & Fakten

Von etwa 120 bis 140 Studierenden zu Studienbeginn kommen am Ende rund 35 beim Bachelor an.

Quelle: Prof. Martin Vielhauer

Etwa zwei Drittel der Studierenden brechen das Studium der Energie- und Gebäudetechnik auf dem Weg ab.

Es gibt das (laut den Sprechern wohl zutreffende) Gerücht, dass der Studiengang in den letzten 40 Jahren keinen Arbeitslosen hatte.

An der Messe sind zwischen 42 und 45 Büros bzw. potenzielle Arbeitgeber vertreten, die sich um die Studierenden bemühen.

Quelle: Prof. Martin Vielhauer

Bei der Einführungsveranstaltung präsentierten rund 25 Standorte in Deutschland ihre Bauvorhaben.

Quelle: Roman Fritsches

Glossar

Duales Studium
Studienform, die Praxis und Theorie verbindet; ermöglicht einen handwerklichen und einen akademischen Abschluss und führt zu Ingenieuren mit ausgeprägtem Praxisbezug.
Girls' Day
Schnuppertag, meist für Sechstklässlerinnen, an dem sie einen Tag in den Studiengang bzw. die Büros hineinschnuppern.
Technische Systemplanung
Verwandter Ausbildungsberuf, der dem Studium der Energie- und Gebäudetechnik nahesteht und eine gute Voraussetzung für die spätere Fachplanung bildet.
← Mehr zum Thema Aus- und Weiterbildung für die TGA-Planung