TGA-Planung › Projektleitung TGA-Planung › Folge #330
tgabar · BargesprächeGeneralplanung mal anders
In der Energieinfrastruktur funktioniert Generalplanung anders: Nicht die Architektur führt, sondern die Verfahrenstechnik gibt vor, was die übrigen Fachbereiche liefern müssen. Die Architektur reiht sich ins Kompetenzteam ein und sorgt für bau- und planungsrechtliche Integration. Roman plädiert für gleichberechtigte Zusammenarbeit als ARGE statt einer Nachunternehmer-Rolle der TGA.
Transkript
Warum funktioniert Generalplanung in der Energietechnik anders?
Roman: Herzlich willkommen in der TGA-Bar. Heute geht es um Generalplanung mal anders. Das ist eine Überleitung vom Thema Energietechnik, wo wir gesagt haben: So ein Kraftwerk zu bauen ist erst mal nicht klassische TGA. Wir haben einen Ausflug in die Energietechnik gemacht und festgestellt, dass auch die Planung selbst ein bisschen anders funktioniert. Klar wurde mir das, als wir über die HOAI diskutiert haben: Sie gibt vor, dass der Architekt oder die Architektin zunächst den Bauherrn berät, verschiedene Varianten eines Gebäudes konzipiert, und erst danach die TGA hinterherkommt und sich da integrieren muss. Das funktioniert bei Kraftwerken und Energietechnikprojekten in der Reihenfolge nicht so gut, oder?
Nele: Genau, ich kann kurz berichten, wie das bei uns im Unternehmen ist. Wenn wir ein Projekt haben, können wir die Generalplanung im Haus abwickeln. Aber auch da ist es nicht so, dass die Architektur den Hut auf hat, sondern die Verfahrenstechnik gibt vor, was die anderen Fachbereiche mitmachen müssen. Wir sind also nicht so klassisch unterwegs, dass der Architekt oder die Architektin das Team vorgibt, sondern eher andersrum. Ich glaube, Lars, bei dir ist es ähnlich, oder?
Welche Rolle spielt die Architektur in solchen Projekten?
Lars: Bei uns ist es auf jeden Fall ähnlich, und ich musste trotzdem ein bisschen zucken, weil wir ja alle wissen, dass oft die Architektin, der Architekt das gerne vorgeben möchte. Bei der Generalplanung mal anders reiht er sich mehr in das Kompetenzteam ein und ist vielleicht gar nicht das Wichtigste in so einem Projekt. Wir haben sehr solide Architektinnen und Architekten, die im Energiebau tätig sind, und diese Rolle ist eine andere als bei berühmten Architekturprojekten, wo die Baukunst im Vordergrund steht. Hier ist die Kunst eher, dieses integrale Werk zu vollenden. Dafür brauche ich committete Architektinnen und Architekten, die verstehen, was eine Energiezentrale, was dieser Energiebedarf ausmacht.
Roman: Es ist also nicht dieses individuelle Genie, das bis nachts um zwölf am Schreibtisch sitzt und mit dem genialen Strich das Gebäude zu etwas ganz Besonderem macht. Ist dieses Bild attraktiv für dich?
Nele: Wenn die Aufgabe für dich als Architekt, Architektin interessant ist, machst du das vielleicht trotzdem. Es muss ja nicht so sein, dass du der Herrscher über das ganze Projekt bist. Aber wenn du dich mit der Aufgabe verbunden fühlst, kannst du durchaus auch bis Mitternacht über der Gebäudehülle brüten. Ob das erstrebenswert ist, ist eine andere Sache, aber die Verbundenheit zum Projekt und das Engagement sind da.
Lars: Man darf auch nicht vergessen, dass diese Art Gebäude nicht irgendwo auf der grünen Wiese steht, sondern meistens sehr stadtnah, weil sie für die Stadt etwas bedeuten und die Energieerzeugung grüner machen sollen. Das ist anders als ein Gewerbegebiet, das irgendwo am Stadtrand gebaut wird. Darum ist die Architektur vielleicht sogar etwas wichtiger, auch damit sie sich gut in städtebauliche Vorgaben integriert.
Nele: Meistens musst du eine Energieerzeugungsanlage in einen gewachsenen Standort integrieren, also im Bestand bauen. Teilweise sogar mit Denkmalschutz. Das heißt, du kannst dich gar nicht so austoben, sondern musst dich planungsrechtlich und baurechtlich an etwas orientieren. Da bist du als Architekt, Architektin durchaus gefordert.
Welche bau- und planungsrechtlichen Herausforderungen entstehen?
Roman: Ich erlebe das gerade in einem Projekt, das ich leiten darf: eine mittelgroße Energiezentrale mit Wärmenetz, etwa 350 Kilowatt thermisch, die ein Neubaugebiet versorgen sollte. Jetzt hinterfragt der Erschließungsträger, also der Eigentümer des Grundstücks, mit seinem Architekten zusammen den Standort unserer Wärmepumpe neu. Die Technik sollte eigentlich im Keller sitzen, die Wärmepumpe auf dem Dach — es sind drei Wärmepumpen. Das funktioniert nicht, weil das Gebäude bauordnungsrechtlich nicht mit diesen Wärmepumpen beaufschlagt werden darf. Jetzt haben wir viele Varianten durchgeackert: Wo kommt der Pufferspeicher hin? In den Boden. Wo kommt die Peripherie der Energiezentrale hin, wo die Wärmepumpe? Und dann entdeckst du, dass du die Schallschutzthemen nur mit großen Bauwerken abfangen kannst — die Luftversorgung der Wärmepumpe lässt sich nur mit großen Lüftungsbauwerken erreichen. Diese Liegenschaft zu integrieren, ist kein Spaß: Schallschutz, Optik, Emissionen, Belästigung. Das wird jetzt mit der Behörde diskutiert. Das sind anspruchsvolle Fragen.
Nele: Deswegen funktionieren diese Projekte nicht ohne die Architektur. Du musst Leute haben, die sich im Bau- und Planungsrecht auskennen und wissen, welche Fachplaner du noch zu Rate ziehen musst: Brandschutz, Schallschutz, Wärmeschutz, Bauphysik. Es ist ein essentieller Teil des Energieerzeugungsteams.
Roman: Auf jeden Fall, und ich merke auch meine eigene Ohnmacht: Allein die Frage, ob ich bauvorlageberechtigt bin — natürlich nicht. Und ich will das auch gar nicht, weil ich es nicht kann; wir brauchen da Nachunternehmer. Über verschiedene Projekte haben wir inzwischen einen Integrierten gefunden, der Tragwerksplanung, Architektur und Brandschutz in einem macht — dann ist es ein Ansprechpartner. Wir haben also als Generalplaner noch einmal einen Generalplaner als Sub.
Warum ist alle Architektur und Bauphysik trotzdem gleich wichtig?
Lars: Wenn wir die Folge Generalplanung mal anders nennen — ja, das ist anders als ein normales Projekt. Aber andererseits ist alles auch irgendwo gleich wichtig. Obwohl die Verfahrenstechnik im Vordergrund steht und im Endeffekt nur eine Hülle drumherum gebaut werden muss, musst du trotzdem den Brandschutz intelligent machen, die Bauphysik muss funktionieren, und die Architektur muss nicht nur funktionieren und Sicherheitsaspekte erfüllen, sondern auch genehmigungsfähig sein und B-Pläne erfüllen. Schwierig finde ich, einen Nachunternehmer zu finden, der auf diese Aufgabe committed ist. Wenn er aus der klassischen Architektur kommt, muss die Motivation trotzdem da sein, eine Energiezentrale zu designen und eben nicht ein anderes tolles Gebäude. Wie sind eure Erfahrungen, Roman?
Roman: Die sind sehr schwierig. Euer Vorteil ist, dass ihr ein integrales Team im Haus habt — das haben wir nicht. Wir hatten in mehreren Fällen den Architekten, die Architektin nur als Begleiter: teilweise bei Online-Terminen dabei, wenn es um baurechtliche Fragen geht oder um Design und die Frage, wie sich das in die Umgebung einfügt. Aber es ist kein richtig integrales Teammitglied. Da gab es immer wieder Animositäten mit unseren Projektleitern und Projektleiterinnen, die sich gestritten haben: Warum versteht die nicht, was wir brauchen, warum können die nicht mal eine Variante aufmachen, die erfüllt, was wir wollen? Dieses Gezeter, das in vielen Architekturbüros über die blöden TGA-Planer kommt, kam dann in diesen TGA-Planungsbüros über die blöden Architekten. Schwierige Konstellationen, wenn da keine ganz enge Zusammenarbeit funktioniert.
Nele: Ein Vorteil ist auch: Wenn du dieses Thema öfter mit demselben Nachunternehmer durchhast, ist es irgendwann nicht mehr der Nachunternehmer, sondern ein Partner. Dann kennst du die Probleme und die Schnittstellen, die beim letzten Mal nicht so gut funktioniert haben, besser. Das Gerappel am Anfang ist vielleicht nützlich für die kommenden Projekte.
Wie lässt sich Generalplanung kooperativer und auf Augenhöhe gestalten?
Roman: Spannend. Jetzt kommen wir zum Werkzeugkasten — darauf kommen wir später noch: Wie kann man Projekte schneller gut aufgleisen und aus Fehlern vom Vorprojekt lernen?
Lars: Ein Aspekt ist ganz wichtig: Wenn die TGA bei normalen Projekten sich manchmal ein bisschen zurückgesetzt vorkommt in dieser Hierarchie der Prioritäten, können wir das bei Generalplanung mal anders auch kooperativer leben, um eine echte Generalplanung auf Augenhöhe hinzubekommen, die jeden wertschätzend mitnimmt. Da wir gelernt haben, dass alle Disziplinen gleich sind, machen wir es bei diesem Typus Projekt auch mal kooperativ.
Nele: Finde ich gut. Am Ende muss man immer sehen: Was machen wir da? Wir wollen unserem Auftraggeber das planen, was er wirklich braucht. Wer am Ende den Hut auf hat, ist für den erst mal unerheblich. Unsere Ingenieursdisziplinen sollten gleichwertig behandelt werden.
Warum bevorzugt Roman die ARGE gegenüber der Nachunternehmer-Rolle?
Roman: Wenn ich die Generalplanung aus meiner anderen Perspektive betrachte — wenn wir als Nachunternehmer für Architekturbüros arbeiten, die sagen, sie seien Generalplaner — habe ich mich bisher fast jedes Mal bis aufs Blut gestritten. Denn in fast allen Fällen beschränkt sich das Verständnis von „ich bin Generalplaner" darauf zu sagen: Mach mal einen Rabatt für deine HOAI-Leistung. Mit dem Versprechen, mir Arbeit abzunehmen, weil ich nicht bei allen Bauherren-Terminen dabei sein müsse — sitze ich am Ende doch bei allen Bauherren-Terminen dabei, oder meine Projektleiter und ein Teil des Fachplanungsteams. Auch die Rechnungsstellung funktioniert nie richtig gut: Ich erbringe eine Leistung, stelle die Rechnung und warte dann monatelang, weil es von der anderen Seite heißt, sie hätten ihre Rechnung beim Bauherrn noch nicht gestellt und müssten alles zusammenführen. Diesen Rechnungsprozess zu synchronisieren ist der nächste Schmerz. Und drittens: Es geht dann doch darum, als Generalplaner nach außen das Bild zu vermitteln, alles im Griff zu haben und ein Team zu sein — aber nach innen wird Macht ausgeübt, um eigene Vorstellungen der Architektur durchzusetzen. Nicht bei Energietechnik-Gebäuden, sondern beim Zweckbau: hochwertige Schulgebäude, Berufsschulen, Gewerbeobjekte. Dann wird die Karte ausgespielt: Du bist mein Nachunternehmer, wenn ich sage, die Architektur hat Vorrang, dann hat die gefälligst Vorrang. Das habe ich so oft erlebt, dass ich keine Lust mehr darauf habe. Bei den nächsten Anfragen nach Generalplanung außerhalb der Energietechnik sage ich: Lasst uns eine ARGE machen, gleichberechtigt als Partner auftreten, vielleicht mit einer Art Senior-Management-Team obendrüber, das bei Streitigkeiten vermittelt. Aber einfach dahinterzuhängen und uns bestimmen zu lassen, was die TGA zu leisten hat, darauf habe ich keine Lust mehr.
Nele: Das ist auch wenig partnerschaftlich. Klingt nach keiner schönen Erfahrung.
Roman: Ich habe es dreimal so erlebt und bin mittlerweile ein bisschen frustriert. Letztens kam der Anruf von einem wirklich netten und guten Architekturbüro, mit dem wir gerne arbeiten: Es gebe eine Generalplaner-Ausschreibung, ob wir nicht zusammen mitmachen wollten. Ich sagte: Zusammen schon, als ARGE auf jeden Fall. Die Antwort: Nein, ich dachte eher, ihr seid Nachunternehmer. Dann war das Gespräch auch kurz.
Nele: Warum hätten die damit Probleme?
Roman: Die Argumente waren mir nicht ganz klar. Wir haben bei den Bauherren festgestellt: Ob das eine ARGE ist oder das Architekturbüro vorne steht, ist eigentlich egal. Für den Bauherrn ist die ARGE sogar besser, weil er dann zwei oder drei Ansprechpartner hat, die haften, statt nur einem.
Nele: Du weißt von Anfang an, da ist geballte Kompetenz zusammen. Das ist für den Auftraggeber sogar von Vorteil.
Roman: Genau. Nachdem wir den Entwurf durchgeackert hatten und sagten, wir wollen das als ARGE machen, war beim Bauherrn Verständnis dabei, beim Generalplaner aber nicht. Der wollte, dass wir wieder hinten dran sitzen. Aber Lars, ich sehe, du wirst kritisch und willst das noch einmal aufgreifen.
Lars: Was ich interessant finde, ist dieser partnerschaftliche Gedanke. Bei dieser Art Gebäude habe ich darüber nachgedacht, wie wir bei Sweco solche Projekte machen. Der Witz ist, dass wir an einem runden Tisch für eine Herausforderung den besten Weg suchen — nicht den Weg, dass etwas per se TGA ist und sich daran anpasst, sondern wir fragen: Wo ist die intelligenteste Art, diese Herausforderung zu lösen? Es muss nicht unbedingt die TGA sein, vielleicht löst es die Statik durch etwas anderes — also in Richtung IPA.
Roman: So sollte es sein, finde ich auch: die beste Lösung mit der geringsten Verschwendung, dann wird es für alle gut. Vielen Dank. Die Bar schließt langsam, und wir freuen uns auf die nächste Folge. Bis bald, macht's gut.
Häufige Fragen zu dieser Folge
Warum führt in Energieinfrastruktur-Projekten nicht die Architektur die Generalplanung an?
Weil die Verfahrenstechnik den Takt vorgibt: Sie bestimmt, was die übrigen Fachbereiche liefern müssen. Die Architektur reiht sich ins Kompetenzteam ein, statt das Team und den Entwurf vorzugeben. Anders als bei klassischen Architekturprojekten steht nicht die Baukunst im Vordergrund, sondern das Vollenden eines integralen Werks rund um die Energiezentrale.
Welche Aufgabe hat die Architektur in Energieinfrastruktur-Projekten?
Sie sorgt für die bau- und planungsrechtliche Integration. Solche Anlagen stehen meist stadtnah, oft im Bestand und teils unter Denkmalschutz, sodass man sich an planungs- und baurechtliche Vorgaben sowie B-Pläne halten muss. Die Architektur koordiniert zudem Fachplaner wie Brandschutz, Schallschutz, Wärmeschutz und Bauphysik.
Welche bauordnungsrechtlichen Probleme können bei einer Energiezentrale auftreten?
Im genannten Projekt durfte das Gebäude bauordnungsrechtlich nicht mit den geplanten Wärmepumpen beaufschlagt werden, sodass Standorte für Wärmepumpen, Pufferspeicher und Peripherie neu durchgeplant wurden. Schallschutz für die Luftversorgung der Wärmepumpen ließ sich nur mit großen Lüftungsbauwerken lösen; dazu kommen Themen wie Emissionen und Optik.
Warum bevorzugt Roman eine ARGE gegenüber der Rolle als Nachunternehmer eines Generalplaners?
Weil sich die Nachunternehmer-Konstellation in der Praxis als problematisch erwies: Der Generalplaner verlangt oft nur einen Rabatt auf die HOAI-Leistung, die versprochene Entlastung tritt nicht ein, die Rechnungsstellung verzögert sich, und nach innen wird Macht ausgeübt, um die Architektur durchzusetzen. Eine ARGE bedeutet gleichberechtigte Partnerschaft, eventuell mit vermittelndem Senior-Management-Team.
Welchen Vorteil hat eine ARGE für den Auftraggeber?
Der Auftraggeber erhält geballte Kompetenz und mehrere haftende Ansprechpartner statt nur einem. Ob eine ARGE auftritt oder ein Architekturbüro nach außen vorne steht, macht für den Bauherrn praktisch keinen Unterschied — die ARGE kann für ihn sogar von Vorteil sein.
Zitate
„Nicht die Architektur hat den Hut auf, sondern die Verfahrenstechnik gibt vor, was die anderen Fachbereiche mitmachen müssen."
— Nele Otto
„Dieses Gezeter über die blöden TGA-Planer kam dann in diesen TGA-Planungsbüros über die blöden Architekten."
— Roman Fritsches
„Lass uns eine ARGE machen, gleichberechtigt als Partner auftreten."
— Roman Fritsches
„Wo ist die intelligenteste Art und Weise, diese Herausforderung zu lösen? Es muss nicht unbedingt die TGA sein."
— Lars Schumacher
Zahlen & Fakten
Die im Projektbeispiel genannte Energiezentrale mit Wärmenetz hat eine thermische Leistung von etwa 350 Kilowatt und sollte ein Neubaugebiet versorgen.
Quelle: Roman FritschesIm genannten Projekt waren drei Wärmepumpen geplant, mit denen das Gebäude bauordnungsrechtlich nicht beaufschlagt werden durfte.
Quelle: Roman FritschesRoman hat die problematische Nachunternehmer-Konstellation als Generalplaner bereits dreimal erlebt.
Quelle: Roman FritschesGlossar
- ARGE (Arbeitsgemeinschaft)
- Gleichberechtigter Zusammenschluss von Planungspartnern, der gemeinsam haftet — von Roman als Alternative zur Nachunternehmer-Rolle bevorzugt.
- Generalplanung
- Gebündelte Planung mehrerer Fachdisziplinen unter einem Vertragsverhältnis; in der Energieinfrastruktur gibt nicht die Architektur, sondern die Verfahrenstechnik den Takt vor.