TGA-Planung › Neues aus der TGA-Forschung › Folge #83
tgabar · BargesprächeForschung und Ausbildung in der TGA-Planung
Die tgabar e.V. macht Forschung und Ausbildung in der TGA-Planung zu ihrem zentralen Vereinszweck. Geplant ist eine Interviewreihe mit Hochschulen und Berufsschulen — mit Professoren, Studierenden und Auszubildenden. Inhaltlich plädieren die Hosts für vernetztes, integrales Denken über das Einzelgebäude hinaus sowie für mehr Simulation und Anwendungsfälle jenseits von reinem BIM.
Transkript
Warum macht die tgabar Forschung und Ausbildung zum zentralen Vereinszweck?
Roman: Moin Moin und herzlich willkommen an der TGA-Bar, zum einzigen Podcast aus dem Hamburger Hafen. Wir sitzen tatsächlich am Hafen, es ist herrliches Wetter — wir wollen euch in den Themenkomplex reinholen, den wir vor uns haben.
Sören: Das Ambiente ist bewusst gewählt, weil das Thema von der Formulierung her relativ trocken daherkommt: Forschung und Entwicklung.
Roman: Forschung und Entwicklung, genau. Wir gründen ja gerade einen Verein und haben mitten in der Vereinsgründung schon berichtet. Wir stellen fest, dass die Förderung der Wissenschaft und Forschung für uns als Vereinszweck zentral ist — auch um ein gemeinnütziger Verein zu sein.
Sören: Es muss in der Satzung stehen.
Roman: Es muss in der Satzung stehen und es muss unser primärer Zweck sein. Nach weiterem Überlegen ist uns aufgegangen, dass der Zweck extrem gut passt.
Sören: Nachwuchsgewinnung, Weiterentwicklung.
Roman: Absolut. Neue Themen, neue Kollegen, junge Menschen, die studieren wollen. Ein Wunsch von mir wäre, dass wir auch die Ausbildungsstätten dazunehmen, also die Berufsschulen. Wir haben festgestellt: Es gibt 68 Studiengänge in Deutschland mit dem Thema Gebäudetechnik — das sagte zumindest der Präsident der HCU.
Welche Bildungseinrichtungen will der Verein ansprechen?
Sören: Es kommen schon einige zusammen.
Roman: Dann haben wir uns noch die Hochschulen vorgenommen. Das ist wahrscheinlich ungefähr das Dreifache oder noch mehr.
Sören: Wenn man den Begriff der Hochschule definiert — technische Hochschule, Hochschule für angewandte Wissenschaft — sind das in Summe irgendwas im mittleren bis hohen zweistelligen Bereich.
Roman: Bei den Berufsschulen wollen wir in Richtung Systemplanung gehen. Systemplanung und alles, was sich im Rahmen von Gebäudetechnik an den Hochschulen beschäftigt, ist unser Thema. Wir haben vor, Interviews zu führen. Ich dachte erst, wir reden nur mit Professoren, weil wir das mit der HCU jetzt gemacht haben. Aber Sören, du hast noch eine andere Idee.
Sören: Es sind Professoren, die im Hintergrund den Stand der Wissenschaft auf die Studenten übertragen, der dann irgendwann in die Praxis übergeht. Es ist aber auch eine gute Möglichkeit, an die Studierenden selbst heranzutreten.
Roman: Ja, zum Beispiel Fachschaften.
Sören: Genau, der klassische Fachschaftsrat. Damit kriegen wir letztendlich die größte Herausforderung, die wir in der Planung der Gebäudetechnik noch haben, in den Griff: den Nachwuchs in den Verein, in den Podcast, in die Büros zu bekommen. Die Ideen aus der Hochschule sind echt saustarke Studienprojekte. Wenn nur ein Drittel davon in die Praxis kommt, wäre das schon mega — aber dann braucht man auch die Leute, die Lust haben, ein bisschen anders zu denken.
Warum sollte die TGA-Planung vernetzter und integraler denken?
Roman: Ein bisschen anders zu denken — das Thema Andersdenken kam mir beim HCU-Podcast. Mir ist klar geworden, dass wir nicht nur immer über Heizung, Lüftung, Sanitär und die anderen Anlagengruppen Richtung Förderanlagen oder Gebäudeautomation denken sollten, sondern einen Schritt weiter: vernetzter, integraler, mit mehr Fokus auf das Quartier und die Metropole. Wenn wir uns die HCU angucken, die ja den Schwerpunkt Metropole hat, versucht sie, sich aus der Stadtplanung der TGA zu nähern — deshalb auch digitale Infrastruktur. Es geht nicht nur darum, die Infrastruktur zu stellen, sondern uns zu überlegen, was man damit anfangen kann.
Sören: Es geht darum, von der singulären Betrachtung wegzukommen und Gesamtzusammenhänge zu sehen, zu verstehen und unsere Lebensweise zu ändern. Das kann man auf das einzelne Gebäude runterbrechen.
Roman: Vom Großen ins Kleine.
Sören: Das einzelne Gebäude nicht mehr als alleinstehend denken — es interagiert ja mit der Umgebung.
Roman: Absolut. Unsere Hauptprobleme lagen oft schon an der Systemgrenze: Die meisten TGA-Planer bieten die Kostengruppe 550, also die Außenanlage, gar nicht an. Und die Kommunikation mit den Versorgern ist immer so ein Pflichtgeschäft.
Sören: Es sind immer mehr Themen, die im Außenbereich integriert werden müssen, etwa Regenspeicherung — wirklich städtebauliche Themen. Auch da wird viel an die TGA herangetreten: Wie geht man mit dem immer weniger werdenden Regenwasser am Gebäude um, bei weiter bestehender Versiegelung der Grundstücke? Wenn man in der Denke drin ist, kann man das gut weiterspinnen.
Roman: Auf jeden Fall, das ist weit von der Systemgrenze. Es geht nicht nur darum, unser Büro zu verlassen, sondern auch darum, unsere acht Anlagengruppen ein bisschen zu verlassen.
Sören: Oder sie weiter zu verstehen.
Roman: Ja, oder Verkehrsinfrastruktur — auch ein spannendes Thema. Wir sitzen hier mitten in der Verkehrsmetropole Hamburg.
Sören: Und hinter uns ist, glaube ich, das smarteste Gebäude Europas. Die Digitalisierung geht auch an den Gebäuden nicht vorbei, und wir müssen smarte Lösungen finden.
Wie können TGA-Planung und Bauherren mehr Wert schaffen?
Roman: Das hat mir zu denken gegeben. Spannend war, dass die Zielgruppe gar nicht unbedingt der Planer der Gebäudetechnik war, sondern die Frage, was die Bauherrenvertretung oder die Projektentwicklung machen kann, um das Gebäude — und das Quartier — mit mehr Wert auszustatten. Vielleicht sollten wir uns dieser Denke öffnen: nicht nur darüber nachdenken, wie wir Behaglichkeit sicherstellen, Luft und Wärme, sondern wie wir tatsächlich Wert für Gebäude und Infrastruktur schaffen.
Sören: Letztendlich auch für die Menschen, die darin leben. Diese Identifikation mit dem Kiez kommt nicht nur durch das Gebäude — die HafenCity ist das beste Beispiel, das entwickelt sich über Zeit, nicht nur über die Bausubstanz. Da könnte man viel von der Architektur lernen, die im Studiengang lernt, zu verstehen, wie Menschen sich wohlfühlen. Wir haben ein anderes Verständnis von Behaglichkeit, eher technisch per Definition — aber das könnte man mehr in den Fokus der Arbeit setzen.
Welche Rolle spielen Modelle und Simulation jenseits von BIM?
Roman: Wenn wir uns aus unserem klassischen Geschäft, dem einzelnen Gebäude, ein bisschen öffnen, kommen wir zurück zur Förderung der Wissenschaft und Forschung — und damit zu Modellen. Das war auch ein Thema an der HCU: Digitalisierung muss nicht immer BIM sein. Es geht darum, Gebäude intelligent zu machen und Infrastruktur mit dem Gebäude intelligent zu verknüpfen. Das Modell hilft dabei, vor allem mit der Idee der Simulation: Ich nutze ein Gebäudemodell frühzeitig zum Simulieren — nicht nur, um meine Rohrleitung reinzuplanen und ein bisschen zu rechnen, sondern um Dinge wie Spannfassaden zu simulieren.
Sören: Gefühlt ist 3D oder BIM eigentlich schon Common Sense, auch wenn es noch nicht überall in der Praxis angekommen ist. Da führt kein Weg dran vorbei — wir müssen uns jetzt mit den neuen Möglichkeiten auseinandersetzen, die sich daraus ergeben. Das sind Themenfelder, die den Berufszweig erweitern und spannend machen.
Wen interviewt die tgabar als Nächstes — und welche Zielgruppe ist neu im Blick?
Roman: Aufs nächste Interview freue ich mich sehr. Unser Mitgründungs-Professor und der Erste, der dabei war, Prof. Dr. Reinhard Wimmer, ist als Nächstes am Start. Wir nehmen uns das Thema BIM vor, vor allem aber die Anwendungsfälle der nächsten Generation — Next Level BIM. Wir wollen ihn und weitere Professoren für einen Austausch mit uns Generalplanenden und TGA-Planenden gewinnen und die nächste Generation ansprechen und entwickeln.
Noch ein Thema: In meinen Interviews für die World of TGA mit jungen Studierenden und Auszubildenden ist mir aufgefallen, wie hochinteressant das Thema Studienabbruch ist. Wir haben inzwischen den dritten Kollegen und die dritte Kollegin, die ein Studium angefangen und abgebrochen haben — meistens aus persönlichen Gründen, mit Anfang 20.
Sören: Die Herausforderungen verschieben sich.
Roman: Dann bricht man ein Studium ab und fragt sich, was als Nächstes kommt. Wer technikaffin ist, für den ist technische Systemplanung naheliegend. Die Kollegen, die ich kenne, haben durch Zufall davon erfahren, ihre Ausbildung zügig durchgezogen — mit dem Theorieteil ist das nach einem angefangenen Studium nicht mehr so kompliziert — und fragen sich dann mit etwa 25: Jetzt will ich es doch noch mal wissen, jetzt will ich noch mal studieren. Das ist auch eine Zielgruppe. Darüber könnten wir mit Fachschaften und Professoren reden, ob man dafür Studiengänge schafft. Das sind Leute mit Modellierungserfahrung, die richtig gut mit Modellen arbeiten, die mit Revit und Trimble Nova umgehen können.
Sören: Auch um den Quereinstieg wieder attraktiv zu machen.
Roman: Genau, und genau die zu erwischen, die ein bisschen aus dem System rausfallen, weil sie ein Studium abbrechen. Das ist eine ganz tolle Zielgruppe, die durch eine gute Ausbildung in der Systemplanung bereichert wird und dann wieder Lust hat.
Sören: Vielleicht dann auch mit dem nötigen Ernst an die Sache.
Roman: Genau. Kleine Einleitungsfolge — Reinhard wartet gleich auf uns, wir müssen weiterschauen.
Sören: Wir genießen noch den Hafen.
Roman: Es war schön. Bis später.
Häufige Fragen zu dieser Folge
Worauf konzentriert sich die tgabar e.V. beim Vereinszweck?
Auf die Förderung von Wissenschaft und Forschung in der TGA-Planung sowie auf Ausbildung und Nachwuchsgewinnung. Dieser Zweck muss als primärer Zweck in der Satzung stehen, damit der Verein gemeinnützig ist. Geplant ist eine Interviewreihe mit Hochschulen und Berufsschulen.
Welche Bildungseinrichtungen will der Verein für Forschung und Ausbildung einbinden?
Hochschulen (bei den Studiengängen Gebäudetechnik) und Berufsschulen, dort mit Schwerpunkt auf die technische Systemplanung. Angesprochen werden sollen nicht nur Professoren, sondern auch Studierende und Auszubildende, etwa über Fachschaften und Fachschaftsräte.
Wie viele Studiengänge mit Bezug zur Gebäudetechnik gibt es laut der Folge in Deutschland?
Laut dem Präsidenten der HCU gibt es 68 Studiengänge in Deutschland mit dem Thema Gebäudetechnik. Die Zahl der Hochschulen schätzen die Hosts auf etwa das Dreifache beziehungsweise einen mittleren bis hohen zweistelligen Bereich.
Warum plädieren die Hosts für vernetzteres, integraleres Denken in der TGA-Planung?
Weil die TGA-Planung über das Einzelgebäude und die klassischen acht Anlagengruppen hinausdenken sollte — hin zu Quartier, Metropole und digitaler Infrastruktur. Themen wie Regenwasserspeicherung, Versiegelung und Verkehrsinfrastruktur werden zunehmend an die TGA herangetragen und erfordern, Gesamtzusammenhänge statt singulärer Gebäudebetrachtung zu sehen.
Welche Rolle sollen Modelle und Simulation über reines BIM hinaus spielen?
Digitalisierung muss nicht immer BIM sein. Ein Gebäudemodell soll frühzeitig zum Simulieren genutzt werden — nicht nur, um Rohrleitungen einzuplanen und zu rechnen, sondern um Gebäude intelligent zu machen und mit der Infrastruktur zu verknüpfen. Ziel sind Anwendungsfälle der nächsten Generation (Next Level BIM).
Warum sieht Roman Studienabbrecher als interessante Zielgruppe für die TGA?
Wer ein Studium meist aus persönlichen Gründen mit Anfang 20 abbricht und technikaffin ist, findet in der technischen Systemplanung einen naheliegenden Weg. Solche Quereinsteiger bringen Modellierungserfahrung mit (etwa Revit und Trimble Nova) und nehmen teils mit Mitte 20 erneut ein Studium auf — eine Zielgruppe, für die man eigene Studiengänge schaffen könnte.
Zitate
„Digitalisierung muss nicht immer BIM sein."
— Roman Fritsches
„Es geht nicht nur darum, unser Büro zu verlassen, sondern auch darum, unsere acht Anlagengruppen mal ein bisschen zu verlassen."
— Roman Fritsches
„Es geht darum, von dieser singulären Betrachtung wegzukommen und Gesamtzusammenhänge zu sehen."
— Sören Janson
Zahlen & Fakten
Laut dem Präsidenten der HCU gibt es in Deutschland 68 Studiengänge mit dem Thema Gebäudetechnik.
Quelle: Präsident der HCUDie Zahl der Hochschulen mit Bezug zur Gebäudetechnik liegt schätzungsweise beim Dreifachen der Studiengänge, also im mittleren bis hohen zweistelligen Bereich.
Die tgabar hat inzwischen drei Kollegen und Kolleginnen, die ein Studium angefangen und abgebrochen haben und über die technische Systemplanung in die TGA gekommen sind.
Glossar
- Kostengruppe 550
- Außenanlage; private Anlage außerhalb des Gebäudes, die viele TGA-Planer gar nicht erst anbieten.