TGA-Planung › Neues aus der TGA-Forschung › Folge #247
tgabar · BargesprächeForschen an der Bar
Der Stand der Forschung zum Projektmanagement in der Bauplanung ist dünn: In einer Liste von 536 Doktorarbeiten der Bauwirtschaft fanden sich nur drei aktuelle Promotionen zur Bauplanung. Sie bestätigen die größten Störungen — fehlende Bedarfsplanung und unklare Nutzeranforderungen — und beschreiben agile sowie leane Methoden wie Design Thinking. Die TGA-Planung wird dabei kaum berücksichtigt.
Transkript
Wie kommt die tgabar dazu, sich mit Forschung zu beschäftigen?
Roman: Herzlich willkommen, Sören, schön, dass du an die Bar gekommen bist. Für das Barcamp habe ich einen professionellen Moderator eingeschaltet, damit jemand anders quatscht außer ich — das hat Chris gut eingetütet. Wir zwei können da nur als Podcaster ein bisschen beilästern, die beiden Alten am Rand.
Sören: Genau, die beiden Alten am Rand.
Roman: Wir haben uns aus der letzten Folge und grundsätzlich gefragt: Wie können wir den Stand der Technik, an dem wir anscheinend sind, verstehen und weitertreiben? Wir reden über Projektmanagement in der TGA und auch Generalplanung. Bisher haben wir eigene Modelle gemacht — alte Welt, neue Welt, Rollenmodelle. Jetzt habe ich angefangen, mich mit Forschung zu beschäftigen: Wer hat dazu einen Doktor gemacht oder ein Paper geschrieben zum Thema Bauplanung?
Wie ist es um die Forschung zur Bauplanung bestellt?
Sören: Zurück an die Uni und erstmal Literaturrecherche.
Roman: Back to school. Ich war erst in Darmstadt, habe aber festgestellt: Wo finde ich Doktorarbeiten zum Thema Bauplanung? In Darmstadt sind eher Architekten. Es ist schwer, etwas zu finden. Erfolgreich war ich schließlich beim BBB — ein Verbund von Professoren in der Bauwirtschaft und im Baubetrieb, mit einem Kongress alle zwei Jahre. Dort gibt es eine Liste aller Doktorarbeiten zum Thema Bauwirtschaft und Baubetrieb: 536 Stück sind aufgeführt. Ich bin eine halbe Stunde durchgescrollt und habe zwei interessante gefunden, inzwischen eine dritte. Es gibt also drei halbwegs aktuelle Promotionen aus den letzten zehn Jahren zum Thema Bauplanung.
Was hat die Forschung zu Störungen im Planungsprozess herausgefunden?
Roman: Die zweite ist von 2017. Frau Olender, inzwischen Professorin, hat zum Thema kontrollierte Planungsprozesse promoviert — mit ihr treffe ich mich nächste Woche online. Sie war beim Generalplaner, hat drei Projekte aus der Generalplanung genommen und gefragt: Wo treten Störungen auf? Vorher hat sie den Stand der Musterprozesse beschrieben — welches Leistungsbild was erledigen müsste: Projektsteuerung, Architektur, Technische Ausrüstung, Tragwerksplanung und ein paar Berater. Das hat sie in einen Prozess gegossen und visualisiert.
Die wichtigste Störung hat mich beruhigt: Genau das, was wir beide ahnen — die Bedarfsplanung und unklare Nutzeranforderungen sind das größte Problem. Bei einem Projekt wurde die Grundlagenermittlung durch einen Wettbewerb ersetzt: Es gab Wettbewerbsbeiträge, einer wurde ausgewählt, weil er die Nutzerbedarfe angeblich verstanden hat — aber es gab keine Diskussion über die tatsächlichen Bedarfe der Nutzer. Neben den fehlenden Nutzeranforderungen fand sie unkoordinierte Entscheidungsgrundlagen: Leistungsphase 2 wird nicht ordentlich abgewickelt, der Entwurf wird durch geänderte Nutzeranforderungen ständig unterbrochen. Diese Unterbrechung wird nicht sauber durchgezogen — die Änderung fließt von der Seite rein und stört langsam den ganzen Prozess. Dadurch entstehen schlechte Integrationsleistungen.
Sören: Und das schon vor fast zehn Jahren.
Roman: Genau. Ihre Motivation fand ich cool: Der Prozess definiert die Qualität des Produktes. Je besser der Planungsprozess, desto besser das Produkt — unser Modell und damit das gebaute Gebäude. Die Motivation ist hoch, und trotzdem forscht kaum jemand dazu. Ich glaube, das liegt unter anderem daran, dass die Architekten historisch und HOAI-seitig die Integrations- und Koordinationsrolle übergestellt bekommen haben, und Architekten normalerweise nicht promovieren — sie werden über ihre Leistungen zum Professor berufen.
Was sagt die internationale Forschung zur Bauplanung?
Roman: Ich habe internationale Journale angesehen, vor allem die hoch gerateten, und nach Papers zum Thema gesucht. Das kannst du völlig vergessen: Wir sind in Deutschland ein Sonderfall mit unserer atomisierten Bauwirtschaft, wo viele Einzelunternehmen miteinander einen Planungsprozess durchackern. Das erforscht kaum jemand — ich habe in den fünf Journalen fast nichts gefunden. Es gibt viel zur Projektsteuerung, aber das sind keine wissenschaftlichen Arbeiten; es gibt das AHO-Heft, aber wie das wissenschaftlich begründet ist, weiß ich nicht. Empirisch, im Sinne von „ich befrage 100 Experten", habe ich wenig gefunden.
Was hat die Forschung zu agilen Methoden in der Bauplanung ergeben?
Roman: Ich habe eine Arbeit gefunden, die sich mit agilen Methoden in der Bauplanung beschäftigt — geschrieben an der RWTH Aachen, 2022, von Dr. Lennartz, mit der wir uns auch treffen und die ich in die Bar einladen möchte. Sie hat 100 Studierende befragt: Kennt ihr die Methoden und wie findet ihr die? Die Studierenden kennen die Methoden, aber ihnen fehlt die Baupraxis, um zu sagen: Hier ist die Störung, diese Methode sollten wir ausprobieren. Da sehe ich eine Lücke.
Sie hat Störungen nach Ursachen und Wirkungen untersucht und ebenfalls die Bedarfsplanung als großes Thema herausgefunden — mangelhafte Führung des Nutzers. Nutzer führen sehe ich auch immer wieder als Thema, gerade bei Laboren, Krankenhäusern und komplexen Gebäuden. Dann kommen die bekannten Probleme: Die Leistungsphasen werden linear abgearbeitet, was nicht funktioniert; Verträge sind nicht einheitlich; die Planung der Planung funktioniert nicht; mehrere Projekte sind gleichzeitig zu bearbeiten; die Schnittstellenkoordination der Fachdisziplinen ist ein Problem; mangelhaftes Führungsmanagement und Fehlerkultur. Also nichts Neues — wir sind in der Forschung am Stand der Technik.
Sören: Haben wir jetzt unsere Verifizierung getroffen?
Roman: Ja, wir haben verifiziert: Wir wissen nichts. Wir müssen mehr forschen über Projektmanagement am Bau.
Wie funktioniert Design Thinking in der Bedarfsplanung?
Roman: Dr. Lennartz hat in „Agile Methoden der Bauplanung" untersucht, dass es innerhalb jeder Leistungsphase verschiedene Stufen gibt, die in einem agilen Zyklus ablaufen — Subphasen wie Konzeption und Koordination. Sie hat Methoden untersucht und vorgeschlagen: Scrum, Kanban, Last Planner und Taktplanung kennen wir schon — Last Planner und Taktplanung sind eher lean als agil. Sehr cool fand ich Design Thinking.
Sören: Der Grundsatz kommt aus der Produktentwicklung — der Fokus auf den Nutzer. Man setzt sich in der ersten Phase keine Grenzen, denkt möglichst groß, durchdenkt zum Beispiel eine Wärmeversorgung in allen Varianten und baut darauf weiter auf.
Roman: Ich sehe zwei Stufen. Erst versucht man, den Nutzer und Kunden zu verstehen, Empathie aufzubauen — es geht auch um Gefühle: Warum geht es mir mit meinem aktuellen Prozess als Nutzer schlecht? Ein Forscher zeigt mir: Ich habe einen Bioreaktor, dafür nicht genug Platz, der Raum ist zu warm. Im neuen Gebäude hätte ich gerne mehr Platz und einen kühleren Raum. So habe ich das Warum verstanden. Dann kann ich Ideen sammeln: eine Umluftkühlung — oder vielleicht den Reaktor anders ausstatten und die Wärme direkt am Reaktor abgreifen. So wie bei einem Rechenzentrum: Backdoor-Kühlung an der Rückwand des Racks ist gerade verbreitet, aber ich könnte die Wärme direkt am Prozessor abnehmen und 60 Grad Abwärme herausholen.
Es geht nicht darum, ein Gebäude nach vorne zu stellen, sondern den Nutzerprozess. Bei einer Schule: Warum gebt ihr Unterricht, was macht ihr da? Das habe ich gerade mit Schulbau Hamburg versucht. Die Lehrer sagen: Mir reicht es, eine kleine Gruppe zu beschäftigen — eine Gruppe forscht, eine liest, eine bereitet die Präsentation vor. Der Klassenraum müsste gar nicht so ausgebaut sein, dass 28 Menschen gleichzeitig Gasanschluss haben; es würde reichen, wenn sechs oder acht ihn haben. Damit sieht der Raum ganz anders aus.
Der nächste Schritt — den ich noch nie gemacht habe und gern machen würde — ist Prototyping und Testen. Ich würde mit den Lehrern aus Lego deren präferierten Fachraum bauen. Bei Schulbau Hamburg könnten Modelle stehen, an denen die Leute Fachräume umbauen: „So hätte ich gern das Deckensystem — das brauche ich gar nicht, ich nehme zwei Arme ab, dafür hätte ich gern einen runden Tisch mit EDV-Anschluss." Da entstehen plötzlich neue Ideen. Zum Prototyping gehört auch, Fehler zu machen und festzustellen: Das ist Quatsch.
Sören: Da reicht es, neue Ansätze zu generieren, wie man es besser machen kann.
Roman: Genau. Wenn Architekten und TGA-Planer daneben stehen, sagen sie: Ach so, darum geht es dir. Dann planen wir die Gebäude anders, wirtschaftlicher und nutzerfreundlicher. Am Ende sparen wir vermutlich sogar Geld: Das Deckensystem muss nicht für 76.000 Euro 14 Arme haben, sondern vielleicht reichen vier oder fünf, oder ich spare die 76.000 Euro und gebe 20.000 Euro für den Tisch aus. Beim Bioreaktor ist ein Umluftkühler mit Kälteanschluss am Ende wahrscheinlich teurer als ein Wärmetauscher, der die Abwärme direkt in die Wärmepumpe schiebt.
Wie kann die tgabar Forschung in die Praxis bringen?
Sören: Das erinnert mich an das Thema IPA: Für die erste Phase der Bedarfsplanung ist mitunter ein halbes Jahr vorgesehen. Egal mit welcher Methodik — wir sollten uns die Zeit nehmen, den Planungsprozess nutzer- und auftraggebergerecht durchzuführen.
Roman: Ich würde am liebsten 20 Lego-Sets kaufen und ins Büro stellen, um Nutzungsprozesse nachzubauen. Es gibt dafür auch Profis: An meinem Mentoring-Programm am Hamburger Hafen gibt es einen Raum, in dem Lego Serious Play für Industrieprozesse gemacht wird. Betreiber von Produktionsanlagen bauen ihre Anlage nach und probieren aus. Für Nutzer von Gebäuden — Labore, Schulen, Wohnungen — ist das noch einfacher.
Ich habe in der Doktorarbeit gelesen: Insbesondere in frühen Projektphasen, in denen die Unsicherheiten enorm sind, können agile Methoden ihre Wirkung entfalten. Sören, daher kommt wahrscheinlich dein Problem aus der letzten Folge: Die Leute hören sich agile Methoden an und denken „okay, probiere ich mal aus". Unser Problem ist, dass wir die frühen Phasen immer noch nicht richtig bearbeiten und nicht genug darauf drängen, eine Nutzerbedarfsplanung zu machen. Wahrscheinlich muss man beides tun: den Planungsprozess kontrollieren, Störungen ihren Raum geben und erforschen, wie man sie vermeidet — und dann die frühen und weiteren Phasen mit agilen und leanen Methoden bearbeiten.
Roman: Ein Satz aus der Arbeit: Im Kontext der Bauplanung eignen sich insbesondere hybride Management-Ansätze, also alte Welt plus neue Welt, die an bestehende Strukturen anknüpfen. Der Begriff hybrid ist allerdings schwierig — hybrid bedeutet zwei Dinge, und welche zwei? Halb Planer, halb Projektsteuerer. Wir forschen zusammen weiter mit Projektmanagement. Wir hören uns bald wieder und wünschen euch einen heißen Sommer. Prost.
Häufige Fragen zu dieser Folge
Wie gut ist das Projektmanagement in der Bauplanung wissenschaftlich erforscht?
Schlecht. In der BBB-Liste von 536 Doktorarbeiten der Bauwirtschaft fanden sich nur drei halbwegs aktuelle Promotionen zur Bauplanung aus den letzten zehn Jahren. International gibt es kaum Forschung, weil die deutsche, stark atomisierte Bauwirtschaft mit vielen Einzelunternehmen ein Sonderfall ist. Empirische Arbeiten, die etwa 100 Praxis-Experten befragen, fehlen weitgehend.
Was ist laut der Forschung die größte Störung im Planungsprozess?
Übereinstimmend nennen die untersuchten Arbeiten die fehlende oder unzureichende Bedarfsplanung und unklare Nutzeranforderungen als größtes Problem. Geänderte Nutzeranforderungen unterbrechen den Entwurf in Leistungsphase 2 fortlaufend, ohne dass diese Unterbrechungen sauber gesteuert werden, was zu unkoordinierten Entscheidungsgrundlagen und schlechten Integrationsleistungen führt.
Worum ging es in der Dissertation zu kontrollierten Planungsprozessen von 2017?
Margarete Olender untersuchte als Generalplanerin drei Projekte daraufhin, wo Störungen auftreten. Sie beschrieb zunächst die Musterprozesse mit den Leistungsbildern Projektsteuerung, Architektur, Technische Ausrüstung und Tragwerksplanung und identifizierte dann als Hauptstörungen fehlende Nutzeranforderungen und unkoordinierte Entscheidungsgrundlagen. Ihre Leitidee: Der Prozess definiert die Qualität des Produktes.
Was hat die Dissertation zu agilen Methoden in der Bauplanung untersucht?
Die 2022 an der RWTH Aachen entstandene Arbeit von Dr. Lennartz befragte 100 Studierende zu agilen Methoden. Sie zeigt, dass innerhalb jeder Leistungsphase Subphasen in einem agilen Zyklus ablaufen, und schlägt Methoden wie Scrum, Kanban, Last Planner, Taktplanung und Design Thinking vor. Schwäche der Studie: Den befragten Studierenden fehlt die Baupraxis.
Wie lässt sich Design Thinking in der Bedarfsplanung anwenden?
Zuerst baut man Empathie für den Nutzer auf und versteht das Warum hinter seinem Prozess statt nur das gewünschte Gebäude. Dann sammelt man möglichst breit Ideen und geht in Prototyping und Tests über, etwa indem Lehrer mit Lego ihren idealen Fachraum bauen. So entstehen nutzerzentrierte, oft wirtschaftlichere Lösungen, weil unnötige Ausstattung entfällt.
Warum reichen agile und leane Methoden allein nicht aus?
Laut Roman scheitern agile Methoden oft daran, dass die frühen Projektphasen noch nicht richtig bearbeitet und keine konsequente Nutzerbedarfsplanung gemacht wird. Nötig ist beides: den Planungsprozess kontrollieren und Störungen erforschen sowie vermeiden, und zusätzlich frühe und weitere Phasen mit agilen und leanen Methoden bearbeiten. Empfohlen werden hybride Ansätze, die an bestehende Strukturen anknüpfen.
Zitate
„Wir haben verifiziert: Wir wissen nichts. Wir müssen mehr forschen über Projektmanagement am Bau."
— Roman Fritsches
„Der Prozess definiert die Qualität des Produktes. Je besser der Planungsprozess, desto besser das Produkt."
— Roman Fritsches
„Wir sind in Deutschland ein ziemlicher Sonderfall mit unserer atomisierten Bauwirtschaft, und das erforscht kaum jemand."
— Roman Fritsches
„Es geht nicht darum, ein Gebäude nach vorne zu stellen, sondern den Nutzerprozess. Die Frage ist nicht, wie soll das Gebäude aussehen, sondern warum."
— Roman Fritsches
Zahlen & Fakten
Die BBB-Liste der Doktorarbeiten zu Bauwirtschaft und Baubetrieb führt 536 Arbeiten auf.
Nur drei halbwegs aktuelle Promotionen aus den letzten zehn Jahren befassen sich mit dem Thema Bauplanung.
Die Dissertation von Margarete Olender zu kontrollierten Planungsprozessen stammt von 2017 und untersuchte drei Generalplanungsprojekte.
Quelle: Margarete OlenderDie Dissertation zu agilen Methoden der Bauplanung entstand 2022 an der RWTH Aachen und befragte 100 Studierende.
Quelle: Dr. LennartzFür die erste Phase der Bedarfsplanung ist mitunter ein halbes Jahr vorgesehen.
Quelle: Sören JansonDie tgabar zählt derzeit rund 77 Büros, nächstes Jahr voraussichtlich fast 100.
Quelle: Roman FritschesGlossar
- Design Thinking
- Aus der Produktentwicklung stammende, nutzerzentrierte Methode; man baut Empathie für den Nutzer auf, versteht das Warum, sammelt breit Ideen und geht in Prototyping und Tests über (z.B. Fachräume aus Lego nachbauen).
- Hybrides Projektmanagement
- Kombination zweier Ansätze (alte Welt plus neue Welt), die an bestehende Strukturen anknüpft.
- Lego Serious Play
- Methode, bei der Nutzer ihre Prozesse oder Räume aus Lego nachbauen, ausprobieren und umbauen; wird etwa für Industrieprozesse und Produktionsanlagen eingesetzt.