TGA-Planung › BIM-Fachkoordination TGA-Planung › Folge #249
tgabar · BargesprächeBIM + Sim City = Urban Twin
BIM ist sehr lebendig: Städte bauen digitale Zwillinge. Hamburg bildet Hafen, Schiffsverkehr und Brücken als Informationsmodelle ab und speist beim Köhlbrand-Bauwerk Live-Messwerte in FEM-Analysen ein. Wien ermöglicht den automatisiert geprüften BIM-Bauantrag, Zürich realisiert zirkuläres Bauen als BIM-Projekt. Das Ziel ist der digitale Zwilling der ganzen Stadt — wie ein reales SimCity.
Transkript
Ist BIM tot?
Roman: Moin Moin, herzlich willkommen an der TGA-Bar. Sören, BIM ist nicht tot.
Sören: Das stimmt. Wir hatten letztes Mal ein Stück weit einen Abgesang auf eine andere BIM-Veranstaltung — aber wir haben festgelegt, dass es weitergeht. Bevor wir darauf zu sprechen kommen: Hier blitzt und blinkt alles, die Gläser glitzern. Was ist denn hier los, hast du im Lotto gewonnen?
Was erwartet die Hörer beim ersten tgabar-Barcamp?
Roman: Ich bin einen Schritt weiter — alle sind eingeladen. Wir bereiten gerade alles vor und freuen uns tierisch auf euch: 17. und 18. Oktober in Berlin, Fabrik 23, tolle Location. Ich begrüße euch direkt an der Bar — ihr kommt rein und steht erst mal an einer Bar.
Sören: Deswegen die Krawatte.
Roman: Wir haben einen Profimoderator, eine externe Profimoderation — Sven, der ist richtig gut. Und wir haben Eventmanagement von der Fabrik 23, das uns profimäßig Grundrisse gezeichnet hat: wo, wann, was an dem Abend und am nächsten Tag passiert. Einmal mit Profis arbeiten.
Sören: Und alle, die keine Einladung bekommen und neidvoll nach Tickets suchen — Roman, wo gibt es die?
Roman: Wir haben inzwischen eine eigene Seite zur Konferenz aufgemacht, ganz vorne auf der Website. Dort tragt ihr euch einfach auf die Warteliste ein. Wir schauen täglich, ob jemand Neues dazugekommen ist, und laden euch dann direkt ein — per Post, per E-Mail, in Outlook. Die Hotels sind noch nicht total überbucht. Tag 1 lernen wir uns alle kennen, hören viele Diskussionen, ein paar Keynote-Vorträge und machen eine kleine Mitgliederversammlung. Am Freitag geht es dann ab ins erste Barcamp der Welt — acht parallele Sessions.
Warum ist BIM aus Sicht der tgabar sehr lebendig?
Roman: BIM is not dead — BIM ist nicht tot. Wir sehen auch an der tgabar, dass es hier abgeht. Wir haben einen Haufen Leute, die letzten Freitag an den tgabar-Standards zum Thema BIM referiert haben, und es ist krass, welches Niveau da inzwischen erreicht wird. Irina hat zum Beispiel zum Thema Heizkühllast-Berechnung berichtet — wie die Bauteilaufbauten sein müssen und welche Erfahrungen sie mit Architektur- und Energieberater-Modellen gemacht hat. Wir sind genau auf den Themen, die ihr auf ganz praktischer Ebene braucht. Und letzten Mittwoch war ich beim BIM-Tag 2024 in Hamburg.
Was zeigt der digitale Zwilling der Stadt Hamburg?
Sören: Direkt in der HafenCity.
Roman: In der HafenCity Universität. Da haben wir den Präsidenten schon interviewt, du erinnerst dich — Jörg Müller-Lietzkow. Er hat ein Grußwort gehalten und sich gefreut, drei Senatorinnen und Senatoren begrüßen zu dürfen. Die Politik war krass vertreten.
Sören: Das war eine übergeordnete Veranstaltung, über die Grenzen der TGA-Planung hinaus.
Roman: Der Schwerpunkt war eher Infrastruktur — das ist der Wissensschwerpunkt in Hamburg zum Thema BIM. Es gibt hier einen Haufen Projekte, die die ganze Stadt als Digital Twin, als digitalen Zwilling abbilden. Wir reden über urbane Zwillinge, über Urban-Data-Plattformen. Die U5, die neue U-Bahn, ist jetzt als digitaler Zwilling verfügbar. Die ganze Stadt ist dabei, digitalisiert zu werden. Du guckst dir die Beispiele an und denkst: krass, das gibt es schon.
Sören: Vielleicht erklärt das auch, warum ich gerade endlich Glasfaserkabel bei mir bekomme — damit ich das Modell auch öffnen kann.
Roman: Die tausend Modelle — das war eine große Erkenntnis. Es gibt nicht das eine Modell, nicht die eine Smart City mit allen Informationsmodellen darin, sondern verschiedenste. Es gibt zum Beispiel eins, das fand ich krass, das alle Schiffsbewegungen als dreidimensionales Modell abbildet: Die Schiffsdaten werden erfasst — wie groß, wie schwer, wo genau, was geladen — und die Schiffe werden im Hafen samt Verkehr angezeigt. Es ist wirklich wie SimCity. Das sagte auch der Präsident der HCU am Anfang: In den 80ern und frühen 90ern konnten wir mit SimCity am Computer im Prinzip schon das spielen, was hier jetzt dargestellt wird.
Roman: Es wurde total viel gezeigt. Das ist noch nicht alles richtig miteinander verknüpft, aber verschiedene Initiativen arbeiten daran. Und es ist alles mit GIS-Daten verknüpft — Geoinformationssysteme, die mit digitalen Zwillingen der Stadt verbunden sind und verschiedenste Anwendungsfälle erlauben. Die Stadt Hamburg ist da sehr stark: Infrastrukturbrücken wie die Köhlbrandbrücke sind komplett als Modell abgebildet — und die aktuellen Messwerte aus der Brücke, wo sich welches Bauteil mit welcher Geschwindigkeit und Beschleunigung bewegt, werden laufend ins Modell eingespeist und sofort mit FEM-Analysen ausgewertet. Es läuft sogar ein Boston-Dynamics-Roboterhund durch die Brücke, der unten mit Sensoren an verschiedenen Punkten misst, wie sich die Brücke gerade verhält.
Sören: Das ist wahrscheinlich die bestüberwachte Brücke Deutschlands. Aber das zeigt, dass auch in anderen Bereichen einiges vorangetrieben wird.
Wie hängt der digitale Zwilling mit dem eigenen BIM-Projekt zusammen?
Roman: Vorangetrieben und zusammengeführt. Der Traum ist, irgendwann den digitalen Zwilling der Stadt zu haben. Ihr plant euer Gebäude als BIM-Projekt, ihr habt den Standort und den Lageplan als Modell, ihr seht, wo welche Versorgungsleitungen liegen, ihr habt die verfügbaren Wärmenetze vor Ort in einem Plan. Ihr modelliert das Gebäude einfach hinein, und dann ist die Stadt noch ein Stückchen digitaler und reicher mit eurem Modell.
Sören: Das klingt nach einem großen Stück Arbeit. Aber so wie ich das vom BIM-Tag entnommen habe, geht die Entwicklung nicht nur bei uns voran, sondern in jedem Bereich.
Was machen Zürich und Wien beim Thema BIM vor?
Roman: Ein paar treiben es voran. Hamburg, wie gesagt, Infrastruktur und Brücken. Die Stadt Zürich, die einen Vortrag gehalten hat, ist weit beim Thema zirkuläres Bauen: Sie haben aus dem Entsorgungs- und Recyclingbereich eine Halle abgebaut, durch eine Bestandshalle aus einem anderen Stadtteil ergänzt und zu einer neuen Halle zusammengesetzt — alles als BIM-Modell, mit Wiederaufbereitungstechniken für den teilweise verrotteten Stahl. Aus zwei alten Gebäuden ein neues. Da war zwar keine TGA drin — das war meine Enttäuschung, es ist einfach eine Halle mit ein bisschen Licht. Und in der Stadt Wien gibt es den BIM-Bauantrag, der ist seit über einem Jahr live: Man kann jeden Bauantrag als Modell einreichen und automatisiert prüfen lassen. Rund 1500 Baunormen werden als Algorithmen über das Modell gezogen.
Roman: Danach habe ich ein langes Gespräch mit Professor Nönnig von der HCU geführt. Er hat schon Bedarfsmodelle entwickelt, zum Beispiel für Labortechnik: Mit dem Fraunhofer-Institut hat er ein Bedarfsplanungstool gebaut, mit dem man Labore relativ einfach einrichten und als Nutzer sehr konkret Bedarfsplanung machen kann. Er hatte ursprünglich nur Tools aus der Infrastruktur, hat aber gemerkt, dass er sie für Gebäude auf grobem Bedarfsplanungsniveau anwenden kann.
Sören: Immer her damit. Wir haben letztes Mal erst über Quality Function Deployment gesprochen.
Roman: Bedarfsplanung ist auch nicht tot.
Was bedeutet das für die Zukunft der BIM-Planung?
Sören: Wir sind ganz schön lebendig. Das ist ein Lichtstreif am Horizont für die BIM-Planung: dass es mit 3D-Planung nicht getan ist, sondern weit darüber hinausgeht.
Roman: Über 3D hat da niemand gesprochen — alle haben verstanden, dass es um Informationsmodelle geht, auch die Senatorinnen und Senatoren. Das war sehr ermutigend. Jetzt müssen wir gucken, wie wir das für uns sinnvoll nutzen. Ich träume vom digitalen Zwilling der Wärmenetze: dass ich alle Netze mit allen Daten verfügbar habe und weiß, welche Verbraucher daran hängen und wo welche Wärmemengen fließen. Auch Kältenetze sind drin, die Quartiere sind digital modelliert und können einfach erweitert werden.
Roman: Wir bleiben dran. Ich bin auch in einem weiteren Verein, BIM-Hub Hamburg — du warst da ja auch mal aktiv. Wir schnappen uns jetzt BIM im Betrieb als vertieftes Thema. Wenn ihr daran Interesse habt, in Richtung BIM im Betrieb zu gucken: An der tgabar sind wir da sehr aktiv.
Sören: Kommt definitiv am 17. Oktober auf uns zu. Wir sitzen am Rand und kommentieren, was passiert.
Roman: Kleiner Ausblick — damit schließe ich, und wir hören uns bald wieder. Bis dann. Ich muss jetzt weiter Gläser putzen.
Häufige Fragen zu dieser Folge
Was ist ein urbaner digitaler Zwilling?
Ein urbaner digitaler Zwilling bildet eine Stadt als Informationsmodell ab. Hamburg verbindet dabei verschiedene Modelle mit GIS-Daten (Geoinformationssystemen) zu Urban-Data-Plattformen. Es gibt nicht das eine Modell, sondern viele — etwa für Schiffsbewegungen im Hafen, für Brücken oder für die U-Bahn-Linie U5.
Wie wird die Köhlbrandbrücke in Hamburg digital überwacht?
Die Brücke ist komplett als Modell abgebildet. Aktuelle Messwerte — wo sich welches Bauteil mit welcher Geschwindigkeit und Beschleunigung bewegt — werden laufend ins Modell eingespeist und sofort mit FEM-Analysen ausgewertet. Zusätzlich läuft ein Boston-Dynamics-Roboterhund mit Sensoren durch die Brücke und misst an verschiedenen Punkten ihr Verhalten.
Wie funktioniert der BIM-Bauantrag in Wien?
In Wien kann man seit über einem Jahr jeden Bauantrag als Modell einreichen und automatisiert prüfen lassen. Dabei werden rund 1500 Baunormen als Algorithmen über das Modell gezogen, um die Einhaltung zu prüfen.
Was macht Zürich beim zirkulären Bauen mit BIM vor?
Zürich hat eine Halle aus dem Entsorgungs- und Recyclingbereich abgebaut, durch eine Bestandshalle aus einem anderen Stadtteil ergänzt und zu einer neuen Halle zusammengesetzt — alles als BIM-Modell und mit Wiederaufbereitungstechniken für den teilweise verrotteten Stahl. Aus zwei alten Gebäuden entstand so ein neues.
Geht es bei BIM nur um 3D-Modelle?
Nein. Über 3D wurde auf dem BIM-Tag nicht gesprochen; alle Beteiligten, auch die Senatorinnen und Senatoren, haben verstanden, dass es um Informationsmodelle geht. BIM geht damit weit über reine 3D-Planung hinaus.
Wie hängt das eigene BIM-Projekt mit dem digitalen Zwilling der Stadt zusammen?
Plant man sein Gebäude als BIM-Projekt, hat man Standort und Lageplan als Modell, sieht die Lage der Versorgungsleitungen und hat die verfügbaren Wärmenetze vor Ort in einem Plan. Modelliert man das Gebäude dort hinein, wird die Stadt mit jedem Modell ein Stückchen digitaler und reicher.
Zitate
„BIM is not dead — BIM ist nicht tot."
— Roman Fritsches
„Es ist wirklich wie SimCity."
— Roman Fritsches
„Über 3D hat da niemand gesprochen. Alle haben verstanden: Es geht um Informationsmodelle."
— Roman Fritsches
Zahlen & Fakten
Beim BIM-Bauantrag in Wien werden rund 1500 Baunormen als Algorithmen über das eingereichte Modell gezogen, um den Antrag automatisiert zu prüfen.
Der Wiener BIM-Bauantrag ist seit über einem Jahr live.
Die Hamburger U-Bahn-Linie U5 ist als digitaler Zwilling verfügbar.
Das erste tgabar-Barcamp findet am 17. und 18. Oktober in Berlin (Fabrik 23) mit acht parallelen Sessions statt.
Glossar
- BIM-Bauantrag
- Verfahren (in Wien live), bei dem ein Bauantrag als Modell eingereicht und automatisiert gegen rund 1500 Baunormen geprüft wird.
- Digitaler Zwilling (Urban Twin)
- Digitale Abbildung einer Stadt oder eines Bauwerks als Informationsmodell, das mit aktuellen Daten gespeist wird; in Hamburg über viele Einzelmodelle und GIS-Daten zusammengeführt.
- Zirkuläres Bauen
- Kreislaufgerechtes Bauen, bei dem Bestandsbauteile (z. B. abgebaute Hallen samt wiederaufbereitetem Stahl) zu neuen Gebäuden zusammengesetzt werden; Beispiel Zürich als BIM-Modell.