TGA-Planung › Folge #244
tgabar · BargesprächeMenschen an der Bar
Auch TGA-Planende tragen Belastungen aus Weltlage und Privatleben mit ins Büro und sind selten bei null Anspannung. Roman und Sören empfehlen, das im Team sichtbar zu machen: Check-ins zu Beginn von Besprechungen, kunstvolle Teilnahme aus der Soziokratie, Neugier auf den Menschen hinter der Rolle und themenbezogene Austauschrunden — für mehr Menschlichkeit und bessere Meetings.
Transkript
Warum belastet die äußere Weltlage die Arbeit im Büro?
Roman: Herzlich willkommen an der TGA-Bar. Mir geht es heute gut, ich bin total entspannt. Ich beobachte die Leute hier an der Bar — Menschen an der Bar, das ist unser Thema heute.
Sören: Wir kommen aus einem komplizierten Grund an die Bar, denn das ist genau der Ort, wo Menschen zusammenkommen. Wenn wir nicht an der Bar sitzen, sitzen wir entweder bei unserer Familie oder im Büro.
Roman: Genau. Und ich merke, das hängt alles zusammen und beeinflusst sich gegenseitig extrem, gerade aktuell. Kennst du Doomscrolling? Wenn du anfängst, auf dem Handy Tagesnachrichten zu lesen, und die ziehen dich immer weiter runter: Trump wird es wahrscheinlich. In der Ukraine sterben wieder Zivilisten, eine Rakete ist gezielt auf ein Kinderkrankenhaus gegangen. Im Gaza-Streifen verhungern Menschen. Katastrophe zur Katastrophe.
Sören: Selbst in Hamburg kommen auf einmal Regenmassen runter.
Roman: Quickborn ist unter Wasser — einen Kilometer nördlich von mir. Das mache ich dann am Sonntagabend, schlafe schlecht, weil meine Kinder nachts ins Bett kommen, und um vier Uhr morgens fängt der Kopf an zu rattern: Morgen ist Besprechung, hat der Kollege die Präsentation fertig gemacht?
Sören: Der wollte sich doch Freitag noch melden.
Roman: Ist der vielleicht krank? Und der Film geht los. Vier Uhr morgens. Jeder von euch hat so etwas schon erlebt. Und dann kommt ihr am Montagmorgen ins Büro und alle erwarten, dass ihr gut drauf und leistungsbereit seid.
Warum ist man im Berufsalltag selten völlig entspannt?
Sören: Gerade in solchen Zeiten ist das Büro oft der letzte funktionierende Rückzugsort. Ich komme hin, weiß, was von mir erwartet wird, habe meine Planungsthemen und Telefonate. Aber ich komme mit diesem Paket aus mentalem Stress oder Krisen an.
Roman: Vorbelastung. Ein befreundeter TGA-Planer vom Büro Sweco hat mal ein sehr gutes Bild gebracht: Er ist immer auf Grundanspannung. Auf einer Skala von 0 bis 10 Volt ist er nie bei null, sondern immer bei 2 Volt. Zwei Volt Grundspannung sind immer da.
Sören: Der Ruhepuls liegt nicht auf Ruhe.
Roman: Der Ruhepuls liegt nicht bei 30 wie beim Triathleten, sondern eher bei 80 wie beim Kettenraucher. Der erste Volt kommt aus der Krisensituation, die man im Hinterkopf hat. Dann kommt noch etwas dazu, und schon bist du bei 5 oder 8 Volt.
Sören: Und dann fährt man auch noch den Kollegen an, der nicht versteht, warum — und hat danach mindestens genauso schlechte Laune wie man selbst.
Wie helfen Check-ins zu Beginn einer Besprechung?
Roman: Wir wären nicht der Podcast Bargespräche, wenn wir nicht für alles eine Lösung hätten. Wir haben angefangen, Check-ins in Gesprächsrunden zu machen, vor allem morgens. Die Frage ist ungefähr: Sag mir in einem Satz, welches Wetter du heute bist. Das soll schnell gehen. Eine andere sehr gute Frage ist: Was hindert dich heute daran, hier in der Runde aktiv beizutragen?
Dann kommen gemischte Sachen. Einer sagt: Heute Nacht um vier hat mein Sohn mir ins Gesicht getreten, ich konnte nicht mehr schlafen, eigentlich will ich die Bauherrenrunde vorbereiten und bin total genervt, ich bin auf 8 Volt, lass mich nach zehn Minuten hier raus. Das ist ein wertvoller Beitrag: Dann weiß ich, ich lasse die Person nach zehn Minuten gehen, und danach geht es entspannt weiter. Oder es kommt heraus: Ich habe das Thema nicht verstanden, worum geht es hier eigentlich? Die Frage führt zu besseren Meetings und Terminen — nicht jeder spult sein Protokoll ab, sondern es geht darum, wie man aktiv etwas bewegen kann.
Was bedeutet kunstvolle Teilnahme?
Roman: Wir nennen es inzwischen kunstvolle Teilnahme — ein Begriff aus der Soziokratie. Es geht nicht nur darum, beim Check-in zu sagen, was ich beitragen will und wo ich gerade behindert bin, weil äußere Umstände mich abhalten. Es geht auch darum, in besonderer Weise teilzunehmen: Vielleicht fehlt ein Moderator und ich sage, ich moderiere heute, ich bin gut drauf und habe gut geschlafen. Oder ich habe Lust, Schriftführung zu machen oder das Fenster zuzumachen.
Sören: Es geht ein Stück weit darum, zu akzeptieren, dass im Moment vielleicht alle nicht bei null Volt sind, sondern grundsätzlich etwas angespannt. Und das nicht jeder in sich hineinfrisst, sondern es kundtut — sei es durch eine Opening- oder Check-in-Frage. Wir haben für vieles gerade keine Antwort und müssen dieser Daueranspannung trotzdem gerecht werden.
Wie hilft es, sich themenbezogen auszutauschen?
Roman: Ich habe überlegt, ob man Selbsthilfegruppen für bestimmte Themen bildet. Mich beschäftigt der Krieg in der Ukraine sehr — ich bin dort aufgewachsen, kenne dort niemanden mehr, aber es beschäftigt mich, dass tausend Kilometer östlich ein mörderischer Krieg stattfindet. Vielleicht würde es helfen zu sagen: Wer hat Lust, sich mittwochabends mit mir an der Bar oder Bürobar zu einem Bier zu treffen und auszutauschen — welche Haltung kann ich einnehmen, die mich entlastet und das Doomscrolling beendet?
Sören: Es geht darum, Menschen zuzulassen und eine gewisse Sensibilität zu zeigen. Das muss nicht von oben vorgelebt werden, das kann jeder für sich tun. Wir nehmen diese Stresssituation alle sehr ähnlich wahr, und es bringt nichts, wenn wir uns einen wesentlichen Teil des Tages im Bürokontext selbst das Leben schwer machen.
Warum lohnt sich Neugier auf den Menschen hinter der Rolle?
Roman: Das hat einen weiteren Aspekt: Du lernst dich selbst besser kennen, wenn du sagst, ich bin heute nicht dabei oder ich mache mittwochabends eine Barrunde zum Thema Krieg. Du verstehst, was die Leute privat beschäftigt, wie sie ticken und welche Fähigkeiten sie haben — manchmal Fähigkeiten, die einem vorher nicht bewusst waren. Bei uns kochen Studierende und Kollegen regelmäßig zusammen, jeden Mittwoch. Da lerne ich jemanden kennen, der erzählt, dass er bestimmte Kontakte hat oder etwas schon gemacht hat. Am nächsten Tag im Büro kommt genau dieses Thema auf und ich denke: Da brauche ich diese Fähigkeit. Es lohnt sich also zu fragen, welche Fähigkeiten die Menschen außerhalb ihrer Rolle haben, die im Büro oft viel zu eng zugeschnitten ist.
Sören: Wir brauchen für alles einen professionellen Umgang miteinander — wir sind nicht best friends, sondern Arbeitskollegen, aber trotzdem braucht es Empathie und Fingerspitzengefühl.
Roman: Neugier vor allem. Was ist das für ein Mensch? Das ist eben nicht nur ein Systemplaner Sanitär, sondern ein Mensch, der diese Rolle ausfüllt und viele andere Fähigkeiten hat, die wir gar nicht kennen und nicht nutzen.
Sören: Vielleicht macht gerade der Austausch das, was um einen herum passiert, besser auszuhalten — weil man weiß, dass man mit den Themen nicht allein ist. Zu Hause kann ich darüber sprechen, aber auf Arbeit acht oder neun Stunden nicht. Dabei sitzt der andere wahrscheinlich genauso mit komischem Gesicht da und hat dieselben Ängste und Nöte.
Roman: Machen wir den Anschluss zur Folge Kannibalismus, in der wir den Appell gebracht haben: Bevor ihr ein Büro verlasst, sprecht rechtzeitig mit euren Führungskräften über eure Probleme und gebt vielleicht noch eine Chance. Wenn ich menschlichen Zusammenhang habe — wenn ich weiß, dass meine Chefin auch einen dreijährigen Sohn hat und nachts schlecht schläft, sich mit dem Krieg beschäftigt — dann komme ich näher zueinander und spreche eher miteinander.
Sören: Und schließe nicht alles mit mir selbst ab und ziehe für mich allein die Konsequenzen, auch wenn am Ende vielleicht trotzdem dieser eine Schritt folgt.
Roman: Ich glaube auch nicht, dass mit dem nächsten Büro alles besser wird. Die zwei Volt, die immer da sind, gehen ja nicht weg, weil ich den Job wechsle. Das befördert ziemlich viel Menschlichkeit an der Bar. In diesem Sinne: Bleibt neugierig auf eure Kollegen, bleibt menschlich, und einen schönen Abend euch.
Häufige Fragen zu dieser Folge
Wie kann man im Büro mit der ständigen mentalen Grundanspannung umgehen?
Roman und Sören empfehlen, die Anspannung sichtbar zu machen statt sie in sich hineinzufressen: durch Check-ins zu Beginn von Besprechungen, durch kunstvolle Teilnahme (ein Begriff aus der Soziokratie) und durch Neugier auf den Menschen hinter der beruflichen Rolle.
Was ist ein Check-in in einer Besprechung?
Eine kurze Eingangsrunde, in der jede Person in einem Satz sagt, wie es ihr geht — etwa über die Frage „Welches Wetter bist du heute?" oder „Was hindert dich heute daran, hier aktiv beizutragen?". Das führt zu besseren Meetings, weil bekannt ist, wer wie verfügbar ist.
Zitate
„Auf einer Skala von 0 bis 10 Volt ist er nie bei null, sondern immer bei 2 Volt. Zwei Volt Grundspannung sind immer da."
— Roman Fritsches
„Der Ruhepuls liegt nicht bei 30 wie beim Triathleten, sondern eher bei 80 wie beim Kettenraucher."
— Roman Fritsches
„Das ist eben nicht nur ein Systemplaner Sanitär, sondern ein Mensch, der diese Rolle ausfüllt und viele andere Fähigkeiten hat, die wir gar nicht kennen."
— Roman Fritsches
Glossar
- Check-in
- Kurze Eingangsrunde einer Besprechung, in der jede Person in einem Satz mitteilt, wie es ihr geht oder was sie an aktiver Teilnahme hindert.
- Doomscrolling
- Das fortgesetzte Lesen negativer Nachrichten auf dem Handy, das die Stimmung immer weiter herunterzieht.
- Kunstvolle Teilnahme
- Begriff aus der Soziokratie; bezeichnet, in besonderer Weise und nach eigenen Möglichkeiten an einer Runde teilzunehmen — etwa Moderation oder Schriftführung zu übernehmen oder offen zu benennen, woran man gerade gehindert ist.