TGA-Planung › Lean und IPA in der TGA-Planung › Folge #334
tgabar · BargesprächeDie IPA-Konferenz
Die IPA-Konferenz wird vom IPA-Zentrum des GLCI (German Lean Construction Institute) veranstaltet und versammelte 2025 in Berlin rund 600 Teilnehmende. IPA steht für Integrierte Projektabwicklung: eine Projektabwicklungsform mit Mehr-Parteien-Vertrag, früher Einbindung der Baufirmen und gemeinsamer Co-Location im Big Room. In Deutschland laufen bereits 43 Projekte mit knapp 15 Milliarden Euro Volumen.
Transkript
Was ist die IPA-Konferenz und wer veranstaltet sie?
Roman: Herzlich willkommen an der TGA-Bar. Heute geht es um die IPA-Konferenz. Sören, du bist wieder da, das freut mich total — genesen und wohlauf und zurück vom Festival.
Sören: Genau, es dauert danach noch Wochen, gefühlt. Du warst nur sechs Wochen auf dem Festival, ich habe mich sechs Wochen davon erholt. So fühlte sich mein Körper zumindest an.
Roman: Ich hatte kein Armbändchen. Man hat keine Armbändchen, wenn man von der Konferenz kommt, sondern so ein Halsband mit einem Schild dran. Das ist nicht ganz so cool — das sollten wir vielleicht auch mal für unsere Barkonferenz überlegen. Unser Bootcamp in Berlin war ja schon super, mit knapp über 100 Leuten und großer Location. Umso gespannter war ich auf die IPA-Konferenz, auf der ich vor ein paar Wochen war, auch in Berlin: 600 Gäste. Da haben wir noch einen Weg vor uns. In diesem wirklich großen Saal mit 600 Menschen merkt man, wie völlig lost man ist. Ich kannte acht Leute, von denen ich wusste, dass sie da sind — und die habe ich erst mit Mühe über den Tagesverlauf gefunden. Aber extrem professionell gemacht. Ich konnte hinterher auch noch mit den Organisatoren quatschen.
Wofür steht IPA und wer steckt dahinter?
Sören: Wir haben zum Thema IPA schon die eine oder andere Folge gemacht, aber nochmal, um alle abzuholen: Warum warst du da, und wofür ist die Konferenz da?
Roman: Die IPA-Konferenz wird vom IPA-Zentrum veranstaltet, das in Berlin sitzt. Das IPA-Zentrum gehört dem GLCI, dem German Lean Construction Institute. IPA steht für Integrierte Projektabwicklung — oder Integrierte Projektallianz, wie Professor Fuchs sagte, mit dem ich an der Kaffeemaschine quatschen konnte. So Influencer unter sich. Es gab auch einen Keynote-Speaker, der gar nichts mit der Baubranche zu tun hat.
Was macht die Integrierte Projektabwicklung (IPA) aus?
Roman: Es geht um eine neue Projektabwicklungsform, in der wir versuchen, uns nicht mehr zu streiten, weil wir von Anfang an ein Team aus allen Disziplinen bilden. Die Baufirmen sind von Anfang an ins Projekt involviert — das ist die eine große Neuerung. Die zweite ist der Mehr-Parteien-Vertrag, den kennen wir schon. Neu für mich war, dass das Thema Co-Location ganz stark nach vorne geschoben wird: Alle sitzen gemeinsam in einem Projektbüro, das extra für dieses Bauvorhaben vorbereitet wird.
Sören: Also ein Projektbüro quasi.
Roman: Ein Projektbüro. Man vereinbart Anwesenheiten, Projektabstimmungstermine und einen Rhythmus, wann wo was passiert. Das hat mich ein bisschen gestresst — jetzt muss ich mein ganzes Team auch örtlich einplanen. Ich verstehe aber den Vorteil total: Gemeinsam im Big Room zu arbeiten ist nochmal etwas anderes. Mir wurde klar: Das ist eigentlich wieder Scrum für die Baubranche. Scrum ist für die ITler eine Projektabwicklungsform mit Rollen, Ritualen und Methoden — und das Gleiche machen wir jetzt bei IPA, plus einen Vertrag, der anders aussieht als Standardbauverträge.
Sören: Mit dem Ziel, ein tatsächliches Projektteam zu bilden.
Roman: Genau, ein echtes Team. Und die HOAI ist da tatsächlich ad acta gelegt, weil das Team gemeinsam entscheidet, was das Wichtigste zum Planen ist. Die richten sich nicht danach, wer welche Leistungen gemäß HOAI erbringen soll, sondern fragen: Was brauchen wir zuerst, was ist das Komplexeste an diesem Gebäude? Ist es die Gründung, fangen wir mit der Gründung an. Oder das Dach ist wegen Baugenehmigungsthemen schwierig, dann machen wir das Dach zuerst. Die Baufirmen, Architekten, TGA-Planer und Fachplaner bringen ihre Kompetenzen ein. Innerhalb des Big Rooms gibt es verschiedene Projektteams, kleine Zellen, die zusammenarbeiten — eine Zelle für Architektur, eine, die TGA und Architektur integriert, eine, die Tragwerk und TGA integriert, und so weiter.
Was hat IPA mit agilem Projektmanagement und Moderation zu tun?
Sören: Klingt nach einem guten alternativen Weg, den wir eigentlich schon suchen, seit es diesen Podcast gibt.
Roman: Den suchen wir schon lange. Ich habe mir ein paar Dinge gefragt, die wir schon wissen und die wir da einbringen könnten — zum Beispiel das Thema Konsentmoderationen. Es geht darum, dass kleine Gruppen selbstständig gute Entscheidungen treffen und diese mit anderen Gruppen abstimmen. Das kommt einem bekannt vor: Das ist agiles Projektmanagement, alter Hut. Und ohne Moderation wird es schwierig. Diese kleinen Gruppen gut zu moderieren ist die große Kunst — und das war auf der Konferenz gar kein Thema.
Sören: Aber wie bist du da hingekommen, was war dein Antrieb? In Folge 16 bis 18, vor über drei Jahren, haben wir uns schon mal darüber ausgetauscht und hatten den Eindruck, dass wir unserer Zeit voraus waren. Wandelt sich da gerade etwas? Projekte dauern immer noch ewig, wir streiten uns immer noch, es ist immer zu teuer.
Roman: Es ist immer zu spät, immer mangelhaft.
Wie verbreitet ist IPA in Deutschland und wie war der Vibe?
Sören: Was war der Vibe auf der Konferenz?
Roman: Mir fiel auf, dass da hauptsächlich Bauherrinnen und Bauherren saßen — aus allen Bundesländern, die sagen: Wir wollen jetzt etwas anders machen. Ich habe gelernt, es gibt 43 Projekte in Deutschland, die so abgewickelt werden, knapp 15 Milliarden Euro werden darüber gebaut. Bezogen auf die 43 Projekte ist das eine ordentliche Hausnummer. Und es kommen jetzt Standardsachen: Die ersten waren drei Schulen, jetzt gibt es viele Schulen, ein Krankenhausprojekt, Gewerbeobjekte, und aus anderen Quellen weiß ich, dass es Richtung Museen und Wohnungsbau geht. Eine breite Akzeptanz. Dass 600 Leute nach Berlin fahren, um sich Best Practice anzugucken, war für mich ein Signal. Die Frage ist, ob die HOAI dadurch überholt wird — kann passieren. Perfekt ist es noch nicht: Konsentmoderation ist kein Standard, nicht alle wissen, wie Sitzungen zu moderieren sind und wie gute Entscheidungen in Gruppen getroffen werden. Es gab auch einen Vortrag aus Australien — die machen das seit 30 Jahren und sagten, sie hätten auch viele Fehler gemacht und gescheiterte Projekte gesehen.
Wie verändern sich die Rollen von Bauherr und TGA-Planer?
Sören: Am Ende sind es wahrscheinlich dieselben Herausforderungen wie im normalen Projektkontext, aber man geht andere Wege, die Leute neu motivieren, sich auf eine andersartige Zusammenarbeit einzulassen.
Roman: Und die Rollen verschieben sich. Ein Bauherr, der präsentiert hat, war plötzlich eher ein Kümmerer: Er stellt Werkzeuge, Räume und angenehme Situationen zur Verfügung. Er hat erzählt: Ich habe eine Top-Kaffeemaschine gekauft, einen Siebträger danebengestellt, damit die Leute Lust haben, zur Co-Location zu kommen. Ich habe Veranstaltungen geplant, wir sind wandern und Radfahren gegangen. Der wird zum Entertainer für die Planer — nicht im negativen Sinne, sondern wirklich zum Kümmerer. Und Professor Fuchs berichtete aus seinen Erfahrungen, dass die TGA-Planer in ihrer Rolle total aufblühen: raus aus dem Mit-verschränkten-Armen-in-der-Ecke-Sitzen und dem Architekten zuhören, hin zu „ich gestalte mit, ich habe eine Stimme und kann mich von Anfang an reindrehen".
Sören: Ein wichtiger Aspekt ist die Gleichwertigkeit aller Fachdisziplinen und das Gemeinschaftsgefühl, das durch solche Anreize zusätzlich befördert wird.
Roman: Genau, und der Bauherr sitzt nicht arrogant mit verschränkten Armen im Hintergrund und fordert nur, sondern muss als Kümmerer und Mitentscheider in allen Sitzungen dabei sein. Eine komplexe Organisationsstruktur mit neuen Rollen. Beim Thema Methoden habe ich nicht so viel Neues gelernt, außer dass die Co-Location nach vorne geschoben wurde. Ob man QFD — Quality Function Deployment — für die frühe Zielkostenfindung benutzt oder über Last Planner spricht, war nicht so klar. Es ist wohl projektspezifisch. Da ist noch ein bisschen was zu forschen.
Wie bewerben sich Büros auf IPA-Projekte und welcher Aufwand steckt dahinter?
Sören: Hat das Potenzial, sich weiter auszudehnen — oder bleibt es eine Randerscheinung?
Roman: Die Zahl 600 zeigt, dass da richtig etwas passiert. Ich konnte hinterher mit Marc sprechen; Marc und Caro waren Hauptorganisatoren, der GLCI ist offizieller Veranstalter. Leuchtturm beim GLCI war Professor Haghsheno vom KIT in Karlsruhe. Die beiden promovieren dort und haben viel organisiert. Es gab zum Beispiel eine App nur für die Konferenz: Darüber konnte ich mich mit anderen Teilnehmern verbinden, hatte immer das aktuelle Programm und wurde bei der Ankunft in Berlin begrüßt, mit Adresse und Anfahrt. Es gab eine Funktion „Biete und Suche" für den digitalen Austausch zwischen den Teilnehmern. Nebenbei gab es Marktstände, an denen Hochschulen ihre Forschungsprojekte und laufende Bauprojekte präsentiert haben. Großes Lob an die Organisatoren. Nächstes Jahr knacken sie wahrscheinlich die Tausend.
Sören: Wenn ich als TGA-Planungsbüro Blut geleckt habe — wie fange ich an, womit muss ich mich auseinandersetzen, um gewappnet zu sein?
Roman: Ich rede gerade mit zwei Vereinsmitgliedern, die sich auf IPA-Projekte bewerben. Beide berichten, dass sie mit ihren Mitarbeitenden in mehrtägige Assessment-Center gehen. Du wirst nicht nur als Projektleiterin oder Geschäftsführerin interviewt, sondern dein ganzes Team, das dort arbeiten soll — vier, fünf Personen werden den ganzen Tag mit Spielen und Tests gefordert. Darauf kann man sich nicht richtig vorbereiten: Die wollen wissen, wie du wirklich bist, nicht, was du nach außen darstellst. Sie wollen nicht, dass man top vorbereitet reingeht und sagt „Last Planner und Co-Location habe ich schon hinter mir", sondern alle richtig kennenlernen und das Team dann mit psychologischer Unterstützung gestalten.
Sören: Man muss Interesse und Neugier haben.
Roman: Die Bereitschaft, andere Wege zu gehen. Und der Aufwand: Du hast vielleicht zehn Firmen, die du binden willst — ausführende Unternehmen und Planerinnen und Planer. Für jeden Slot musst du drei Assessment-Center machen, also 30 Tage reiner Aufwand, mit Vor- und Nachbereitung und mehreren Personen eher 60. Was das kostet, kann man sich ausrechnen.
Sören: Aber man weiß nicht, ob andere Auswahlverfahren wirklich günstiger sind. Vielleicht sind die 30 Tage gut investiertes Geld, weil man besser funktionierende, partnerschaftliche Partner hat.
Roman: Es ist eben nicht mehr wildes Zusammenwürfeln, sondern man guckt sich die Menschen genau an — auch die, die später planen, die kommen dazu. Da kann man sich nicht verstellen. Wir als Projektleiterinnen und Geschäftsführer sind vertriebsstark und erzählen was vom Pferd — das bringt nichts, weil am Ende das Team assessed wird, nicht die Vertriebskompetenz der Chefin. Ich war nach der Konferenz noch zwei Tage auf der Young Researchers Lounge und habe mit Forschenden der Bauwirtschaft zusammengesessen, Vorträge gehört und gehalten — aber das besprechen wir ein andermal. Letzte Runde auf die IPA-Konferenz, es war stark. Bis zum nächsten Jahr.
Häufige Fragen zu dieser Folge
Wofür steht IPA und wer veranstaltet die IPA-Konferenz?
IPA steht für Integrierte Projektabwicklung (auch: Integrierte Projektallianz). Die IPA-Konferenz wird vom IPA-Zentrum veranstaltet, das in Berlin sitzt und zum GLCI, dem German Lean Construction Institute, gehört. 2025 kamen rund 600 Teilnehmende zusammen.
Was sind die zentralen Neuerungen der Integrierten Projektabwicklung?
Drei Punkte: Die Baufirmen sind von Anfang an ins Projekt involviert und bilden mit allen Disziplinen ein Team; es gibt einen Mehr-Parteien-Vertrag; und das Thema Co-Location wird stark betont — alle sitzen gemeinsam in einem eigens für das Bauvorhaben vorbereiteten Projektbüro (Big Room).
Wie wird in einem IPA-Projekt die Planungsreihenfolge bestimmt?
Nicht nach der HOAI-Leistungslogik, sondern das Team entscheidet gemeinsam, was zuerst geplant wird — orientiert daran, was am komplexesten oder kritischsten ist, etwa die Gründung oder ein wegen Baugenehmigung schwieriges Dach. Innerhalb des Big Rooms arbeiten kleine Zellen, die einzelne Gewerke integrieren.
Wie verbreitet ist IPA in Deutschland?
Es gibt 43 Projekte, die nach IPA abgewickelt werden, mit einem Bauvolumen von knapp 15 Milliarden Euro. Nachdem die ersten Projekte drei Schulen waren, kommen jetzt viele Schulen, ein Krankenhausprojekt, Gewerbeobjekte sowie laut Roman künftig Museen und Wohnungsbau hinzu.
Wie verändert IPA die Rolle des Bauherrn und der TGA-Planer?
Der Bauherr wird vom fordernden Auftraggeber zum Kümmerer, der Werkzeuge, Räume und angenehme Bedingungen für die Co-Location bereitstellt und als Mitentscheider in den Sitzungen präsent ist. Laut Professor Fuchs blühen TGA-Planer in ihrer Rolle auf, weil sie von Anfang an mitgestalten und eine Stimme haben.
Wie bewerben sich Büros auf IPA-Projekte?
Über mehrtägige Assessment-Center. Nicht nur die Geschäfts- oder Projektleitung wird interviewt, sondern das ganze Team von vier bis fünf Personen wird mit Spielen und Tests geprüft. Vorbereiten kann man sich kaum, weil bewusst die echte Zusammenarbeit und nicht die Vertriebskompetenz bewertet wird.
Welcher Aufwand entsteht durch die Assessment-Center?
Bei rund zehn zu bindenden Firmen (Planer und ausführende Unternehmen) und drei Assessment-Centern je Slot kommen etwa 30 Tage reiner Aufwand zusammen, mit Vor- und Nachbereitung und mehreren Personen eher 60 Tage.
Zitate
„Das ist eigentlich wieder Scrum für die Baubranche."
— Roman Fritsches
„Die HOAI ist da tatsächlich ad acta gelegt, weil das Team gemeinsam entscheidet, was das Wichtigste zum Planen ist."
— Roman Fritsches
„Am Ende geht es darum, dass das Team assessed wird und nicht die Vertriebskompetenz der Chefin."
— Roman Fritsches
Zahlen & Fakten
Die IPA-Konferenz 2025 in Berlin hatte rund 600 Teilnehmende.
In Deutschland werden 43 Projekte nach dem IPA-Modell abgewickelt, mit einem Bauvolumen von knapp 15 Milliarden Euro.
Ein Vortrag aus Australien berichtete, dass dort seit 30 Jahren mit IPA gebaut wird.
Für die Teambesetzung eines IPA-Projekts fallen rund 30 Tage reiner Aufwand für Assessment-Center an (bei etwa zehn zu bindenden Firmen und drei Assessment-Centern je Slot), mit Vor- und Nachbereitung eher 60 Tage.
Quelle: Roman FritschesGlossar
- Assessment-Center
- Mehrtägiges Auswahlverfahren, in dem das gesamte Planungsteam mit Spielen und Tests auf die reale Zusammenarbeit geprüft wird, nicht nur die Leitungsebene.
- Co-Location / Big Room
- Alle Projektbeteiligten sitzen gemeinsam in einem eigens für das Bauvorhaben vorbereiteten Projektbüro und arbeiten dort in kleinen Zellen zusammen.
- IPA (Integrierte Projektabwicklung)
- Neue Projektabwicklungsform mit Mehr-Parteien-Vertrag, früher Einbindung der Baufirmen und gemeinsamer Co-Location aller Disziplinen; Ziel ist ein echtes Projektteam statt Streit. Auch Integrierte Projektallianz genannt.
- IPA-Zentrum
- In Berlin ansässige Einrichtung des GLCI, die die jährliche IPA-Konferenz veranstaltet.