TGA-Planung › Bauüberwachung TGA-Planung › Folge #66
tgabar · BargesprächeBauüberwachung mit Adrian Harms
Bauüberwachung ist nicht Bauleitung: Der Bauleiter eines ausführenden Unternehmens erteilt vor Ort konkrete Anweisungen zur Ausführung, während die Bauüberwachung der TGA nur überwacht, ob regel- und vertragskonform gebaut wird, Termine koordiniert, die Qualität sichert und dem Bauherrn ein gefiltertes Reporting liefert. Die Fachbauleitung durch ein Planungsbüro lehnt Adrian Harms als Begriffsverwechslung ab.
Transkript
Was hat Streitkultur mit Bauüberwachung zu tun?
Sören: Moin Moin aus Hamburg und herzlich willkommen zum einzigen Podcast von der TGA-Bar.de. Heute ist eine sehr spannende Folge mit einem geschätzten Freund und Kollegen. Ohne Hintergrund-Bargeräusche, es ist Freitagvormittag — wir trinken Rhabarbersaftschorle. Adrian, ich freue mich sehr, dass du da bist. Wir haben dich eingeladen, weil du dich mit dem Thema Bauüberwachung auskennst.
Eine kurze Anekdote: Meine Zwillinge streiten sich gerne abends. Ich frage, was los ist, und höre nur: „Uns ist langweilig." Adrian, was hat das mit dir zu tun?
Adrian: Ich bin auch Zwilling vom Sternzeichen. Zwillinge habe ich keine, aber zwei Söhne, und die streiten sich auch gern mal am Abend. Eine gute Streitkultur auf der Baustelle gehört im Grunde zur Bauüberwachung dazu. Es kann durchaus sein, dass es Streit gibt und ich mittendrin stecke.
Sören: Aber das ist nicht das Hauptthema, wenn du auf der Baustelle bist?
Adrian: Nein. Es gibt durchaus Differenzen zwischen ausführenden Unternehmen oder Objektüberwachern und Bauherren — das gehört normal dazu. Wenn es härtere Fronten gibt, gibt es auch mal Streit oder einen harten Ton. Wichtig ist nur, dass man ein dickes Fell hat, es nicht persönlich nimmt und sachlich an die Sache rangeht.
Welchen beruflichen Werdegang bringt Adrian Harms mit?
Sören: Du bist obere Bauüberwachung bei Averdung Ingenieure & Berater hier in Hamburg. Du hast für die TGA nicht nur Gebäude im Blick, sondern auch den erdverlegten Rohrleitungsbau.
Adrian: Richtig, das spiegelt meinen Werdegang wider. Ich habe eine Ausbildung als Anlagenmechaniker Sanitär-, Heizung- und Klimatechnik mit Hauptfach Wassertechnik genossen und parallel dual studiert. Dann bin ich in einem relativ großen Unternehmen als Bau- und Projektleiter im erdverlegten Rohrleitungsbau und Tiefbau durchgestartet. Im Rahmen dieser Tätigkeit habe ich 2012 das Büro kennengelernt, für das ich heute arbeite — Averdung. Da konnte ich beides kombinieren: den TGA-Bereich (Gas, Wasser, Wärme) und den erdverlegten Rohrleitungsbau, also Tiefbau und Straßenbau. Diverse Projekte habe ich teils bauleitet, teils bauüberwacht — genau das Thema, über das wir heute sprechen.
Was ist der Unterschied zwischen Bauüberwachung und Bauleitung?
Sören: Du hast jahrelange Erfahrung in dem Unterschied. In der Praxis ist er sowas von unbekannt. Ich sollte gerade einen Ingenieurvertrag unterschreiben, da stand drin: „Wir stellen die Fachbauleitung." Wieso ist die Fachbauleitung totaler Quatsch?
Adrian: Der Terminus gibt es schon her. Bauleitung heißt: Ein Bauleiter gibt eine Anleitung zur Ausführung auf der Baustelle, und das wird im Zweifel durch ein ausführendes Unternehmen gestellt. Die Bauüberwachung soll überwachen — das sagt der Name —, dass diese Anleitung zur Ausführung und das Ergebnis regel- bzw. vertragskonform durchgeführt wurden, und gibt ein Reporting an die Objektüberwachung, sprich Architekten, und nicht zuletzt an den Bauherrn.
Sören: Kannst du das an einem Beispiel greifbar machen — für junge Bauingenieure, die zum ersten Mal vor dieser Frage stehen?
Adrian: Man kann es als Hierarchie betrachten. Ganz oben steht der Bauherr — im Zweifel ein Investor, der das Geld hat und sein Projekt realisiert wissen will. Der gemeine Bauherr verfügt lieber nicht über extreme Fachexpertise und zieht sich einen Architekten oder Fachplaner im TGA-Bereich heran, die das Projekt im Vorweg planen. Das Geplante wird an die ausführenden Unternehmen weitergegeben, die es in die Tat umsetzen.
Da kommt der Bauleiter ins Spiel: Seine Aufgabe ist es, das Geplante direkt in die Anweisung zu geben — vor Ort, für sein Gewerk. Also: dieses eine Rohr von der linken zur rechten Wand, in der Dimension, mit dem Werkstoff und dem Halterungskonzept. Er kann dem Gesellen, dem Auszubildenden oder dem Monteur eine direkte Handlungsanweisung geben.
Der Bauüberwacher steht hinter dem Bauleiter und beobachtet das Ganze. Er schaut, ob der Bauleiter die richtigen Anweisungen gibt — vor dem Hintergrund, dass der Bauherr hinter ihm steht und genaues Reporting will. Als Bauüberwacher hast du die Pflicht, das zu filtern: Du erzählst dem Bauherrn nicht, mit welchem Halterungskonzept die Leitung angebracht wurde, sondern nur, dass die Leitung termin- und fachgerecht installiert worden ist. Das ist der Unterschied.
Wer koordiniert die Termine auf der Baustelle?
Sören: Das heißt, als Bauüberwacher gibst du keine Anweisungen an Monteure, bestimmst keine Halterungskonzepte und koordinierst keine Termine?
Adrian: Moment — Terminkoordination in gewissem Sinne schon. Die Bauüberwachung ist für die Koordination der Termine wichtig, weil sie einen anderen Überblick über die Gesamtterminlage hat als der einfache Bauleiter eines ausführenden Unternehmens. Der Klempner Meier hat ein Zeitfenster, um eine Leitung in einem Raum zu verlegen, hat aber keinen Überblick, ob danach der Elektriker Müller rein muss und eine Vorleistung des Klempners braucht. Das interessiert den Bauleiter im Zweifel nicht — das muss die Bauüberwachung interessieren. Sie muss koordinativ eingreifen: Wenn Klempner Meier es nicht schafft, muss sie Elektriker Müller Bescheid geben, dass es eine Bauzeitenverschiebung gibt.
Roman: Wir sind ja ein Projektleiter-Bauüberwacher-Duo. Das Thema Terminplanung ist mega kompliziert. Als Projektleiter versuche ich, Termine möglichst in der Vergabe zu klären, sodass sie im Plan der beauftragten Firma stehen. Zwischentermine vorzugeben, wenn in der Vergabe nichts dazu steht, akzeptiere ich nicht.
Adrian: Im Rahmen der Gesamtplanung muss die Objektüberwachung — meistens ein Architekturbüro — den Gesamtüberblick haben und sich mit der Fachbauüberwachung im TGA-Bereich koordinieren. Ganz zu Anfang sagt der Auftraggeber: Ich möchte mein Bürogebäude ab Quartal 4 2023 in Betrieb nehmen. Daraus müssen alle einen General- bzw. Rahmenterminplan ableiten, in dem grobe Meilensteine gesetzt werden. Dann ist es die Aufgabe zu schauen, dass die einzelnen Bauabschnitte hineinpassen und die Meilensteine erreicht werden.
Roman: Diese Zwischentermine kriege ich als Projektleiter oft nicht in die Verträge, weil sich alle schwertun, sie zu fixieren. Steht der Zwischentermin im Vertrag und die Vorleistung ist nicht fertig, zeigt die Baufirma eine Behinderung an — das kostet Geld, und das ist die Angst des Bauherrn. Es gibt modernere Konzepte wie Taktplanung, wo man einen Gewerkezug abbildet, der durchs Gebäude läuft. Ein Kollege hat sich gerade dazu weiterbilden lassen. Das Konzept muss aber vom Bauherrn und von der Gesamtbaustelle vorgegeben werden.
Adrian: Technisch ist das sehr komplex. Du musst im Vorwege, in der Kollisionsplanung, alles so exakt machen, dass der Handwerkerzug wirklich durchmarschieren kann.
Wie geht die Bauüberwachung mit Terminverzug um?
Roman: Diese Terminplanung wird gemacht und dann nicht eingehalten. Was tust du als Bauüberwacher, wenn du einen Zwischentermin siehst und niemand auf der Baustelle ist?
Adrian: Im Idealfall weißt du, wie lange die Ausführung einer Installation dauert — deshalb ist ein technischer Hintergrund von Vorteil. Du weißt, dass ein Geselle für die Leitung mit der jeweiligen Fügetechnik — pressen, löten, schweißen — so und so viele Tage braucht. Siehst du, dass die Wand noch leer ist und der Termin näher rückt, sprichst du in der wöchentlichen Baubesprechung mit dem Bauleiter oder Vorarbeiter und weist ihn darauf hin. Häufig kommt: „Wir haben keine Kapazitäten, frühestens in zwei Wochen." Dann musst du anfangen, eine Abhilfeanordnung zu schreiben.
Roman: Oder erst einmal mit der Faust auf den Tisch hauen. Soll ich mal mit Ihrem Chef telefonieren?
Adrian: Ja, das habe ich auch schon gemacht.
Roman: Der aufgebrachte Geschäftsführer rief mich an und sagte: „Pfeifen Sie den Harms zurück." Das beschreibt die Komplexität: Du musst eine Firma, die im Zweifel keine vertragliche Verpflichtung hat, einen Zwischentermin zu halten, dazu zwingen, ihn einzuhalten. Reagiert sie nicht, kommt das Schreiben, die Abhilfeanordnung. Da streiten die Gelehrten, ob wir nach HOAI überhaupt die Abhilfeanordnung schulden — meistens schlagen wir das Schreiben nur vor.
Adrian: Aus meiner Erfahrung steht und fällt das mit der Zusammenarbeit zwischen Bauherr oder Projektsteuerer und der Bauüberwachung. Die örtliche Bauüberwachung hat mehr Einblick und kann anders auf die Firmen zugehen. Ein Projektsteuerer sitzt meist woanders und erwartet ein Reporting. Es ist die Mitwirkungspflicht der Bauüberwachung, mitzuteilen: Achtung, wir bekommen ein zeitliches Problem, wir empfehlen, das Unternehmen nach VOB anzuschreiben. Meistens bat die Projektsteuerung dann: Bitte formulieren Sie das für uns vor. Das haben wir getan — im Namen des Bauherrn, weil wir kein Vertragsverhältnis mit dem Unternehmen haben.
Roman: Es gibt teilweise Vollmachten in den Verträgen, dass wir solche Anordnungen aussprechen dürfen. Ich weiß aber nicht, ob das so gut ist; eigentlich sollte das aus dem Vertragsverhältnis zwischen den beiden passieren. Verzugsanzeige wäre dann das scharfe Schwert: Wenn der Termin nicht gehalten wurde, ist Verzug.
Wie sollte die Bauüberwachung bei Montageplanung und Qualitätssicherung eingebunden werden?
Roman: Wir haben in der HOAI nur ein Prozent des Gesamthonorars für Termine. Eigentlich ist unser Job die Qualitätssicherung, und die geht bei der Montageplanung los. Wie wünschst du dir, eingebunden zu werden? Du bist ja meistens erst dabei, wenn schon geplant wurde.
Adrian: Die Montage- und Werksplanung obliegt den ausführenden Unternehmen. Sie kommt zurück und muss gegengeprüft werden — hauptsächlich durch die Objektüberwachung — auf Konformität mit der Planungsgrundlage. Schön wäre, wenn die Bauüberwachung dabei schon integriert wird. Denn am Ende muss ich vor Ort die Qualitätssicherung durchführen, und das geht nur, wenn ich die gesamte Vertragslage kenne. Das habe ich schmerzlich gelernt: Die Frage ist immer „Wo steht das?" Ich muss genau wissen, wie die Leistungsverzeichnisse aussehen, welche Positionen, zu welchen Preisen, in welchen Mengen, und welche Güte das verbaute Material hat. Nur dann kann ich auf der Baustelle feststellen: So wie ihr das angeboten habt, habt ihr es nicht ausgeführt — bitte Nachbesserung.
Roman: Ich habe jetzt zum ersten Mal in einem Projekthandbuch gelesen, dass der Planer sich in der Montageplanung zweiwöchentlich mit den ausführenden Firmen treffen muss, bis die Montageplanung geprüft ist — als Vertragsanlage. Ich finde das großartig. Wir machen das freiwillig, weil die Illusion, du übergibst eine Ausführungsplanung und die Firma baut sie genauso, gruselig ist. Es gibt immer Streit um die Ausführungsplanung — Termine, Qualität, finanzielle Gründe, Planungsfehler. Inzwischen schreiben wir Freigabevermerke, was wir in der Montageplanung sehen wollen. Da fängst du an zu kontrollieren.
Sören: Hast du den Eindruck, dass die ausführenden Firmen ihr Leistungssoll genauer kennen als die Planerseite? Dass die genau wissen: Ist mein Leistungssoll, bin ich beauftragt?
Adrian: Es gibt durchaus Defizite bei der Erstellung der Leistungsverzeichnisse. Ich hatte mal ein Bauvorhaben — damals noch als Bauleiter im ausführenden Gewerk —, bei dem ich Nachträge für Leistungen gestellt habe, die nötig waren, um das Ziel zu erreichen, und die den ursprünglichen Auftragswert um das Doppelte überstiegen haben. Das war planungstechnisch eine Fehlleistung. Wir konnten da ordentlich zulangen, trotz freizugebender Urkalkulationen. Das Wissen um die Leistungsgrenzen auf der Baustelle ist ambivalent: Es gibt Bauleiter, die ihr Leistungsverzeichnis intensiv kennen und mit breiter Brust sagen „Steht nicht drin, dann müsste ich einen Nachtrag stellen" — und solche, die Dinge ablehnen, obwohl sie im Leistungsverzeichnis stehen. Da muss die Bauüberwachung im Bilde sein, um Paroli bieten zu können.
Wer prüft und bewertet Nachträge?
Roman: Bei uns kümmert sich die Projektleitung mit den Fachplanern um Nachträge, du wirkst mit. Wie genau?
Adrian: Ich werde sie nicht monetär bewerten, aber plausibilisieren. Mit meiner Fachexpertise kann ich sagen: Vor Ort haben wir das und das festgestellt, wir müssen die Leistung anders erbringen, weil es technisch nicht so umsetzbar ist wie geplant. Ich kann es fachlich plausibilisieren und die Empfehlung aussprechen, diesen Nachtrag zu beauftragen.
Roman: Genau, fachlich plausibilisieren — monetär kümmern wir uns drum. Für mich ist die Montageplanung der ideale Zeitpunkt, um Nachträge zu diskutieren: Wenn die Planung sichtbar ist, werden erste Probleme und Wünsche erkennbar, etwa andere Materialien einzubauen. Dann ist es nicht der Stress und Druck auf der Baustelle, Änderungen durchzudrücken, sondern es passiert früh genug in der Planung.
Adrian: Richtig. Meistens wird in den Ausschreibungen herstellerneutral ausgeschrieben. In der Montageplanung sagt dann der eine oder andere Bauleiter: Ihr habt das Standardprodukt genommen, das kann diese eine besondere Funktion nicht; wir würden Produkt XY empfehlen, kostet aber Summe X mehr.
Roman: Bei komplexen Produkten wie einer Wärmepumpe oder Kältemaschine sind die Hersteller sowieso integriert und bieten Einweisungen, Montage und Schulungen mit an. Wir haben festgestellt, dass wir auch bei anderen Produkten — etwa Brandschutz-Leitungskanalsystemen — die Fachfirma des Lieferanten dazuholen und gemeinsam die Montageanleitung durchgehen, gerade wenn das Montagepersonal nicht ganz so erfahren ist.
Adrian: Ich habe selbst erlebt, dass ein Projektleiter sagte: Ultrafiltrationsanlage, davon haben wir bisher zwei verbaut, für dieses Objekt holen wir den Hersteller ran. Meistens ist der Vertriebspartner technisch versierter in seiner Anlage als das ausführende Unternehmen.
Roman: Das ist ihr Job — sie wollen das Produkt verkaufen und qualitätsgerecht montieren lassen. Als Beobachter zu sagen „Macht einen Termin mit eurem Hersteller" ist vollkommen legitim.
Adrian: Man wird dadurch ja auch selber nicht dümmer.
Wer ist für Schlitz-, Durchbruch- und Kollisionsplanung verantwortlich?
Sören: Trotz bester Vorbereitung stehst du auf der Baustelle vor einer Wand, wo die Kollisions- und Durchbruchplanung nicht richtig stattgefunden hat. Wer prüft, wer gibt frei?
Adrian: Schlitz- und Durchbruchplanung obliegt der Objektsteuerung, im Zweifel dem Architekten — das ist in der Kostengruppe 300. Als TGA-Fachplanung bzw. -Bauüberwachung sind wir damit raus. Wir können nur sagen: Lieber Architekt, du willst eine Dusche in dem Raum, wir müssen eine Wasserleitung in der Dimension hinplanen, die soll da langführen. Nur der Architekt kann sagen „Ja, bitte durch diesen Durchbruch", weil er den Statiker in der Hinterhand hat, der das prüft.
Roman: Nehmen wir an, wir als Planer haben alles koordiniert, und dann passen die Durchbrüche nicht — eine Dämmung wurde nicht berücksichtigt, in der Tiefgarage eine 200er statt einer 100er. Was tust du dann? Ist das eine Verantwortlichkeit der TGA?
Adrian: Ich nehme erst einmal zur Kenntnis, dass der Bauleiter des ausführenden Unternehmens auf mich zukommt: „Unsere Rohrleitungen passen nicht durch" oder „Der Durchbruch ist schon belegt." Ich muss die Planlage prüfen, schauen, ob das plausibel ist, und mich an die Objektsteuerung bzw. -überwachung wenden: Bitte prüfen und uns bekanntgeben, was wir machen sollen. Läuft auf der Baustelle alles gut und das Verhältnis stimmt, schlägt der Installateur vor, die Leitung anders zu legen — dann ist das wieder Nachtragsmanagement: zehn Meter mehr legen, eine Mengenmehrung, kostet mehr, und die Abstimmung geht hin und her. Am Ende geht es darum, den Bau nach vorne zu bringen und die Termine zu halten, ohne sich mit Abhilfeanordnungen und Baubehinderungsanzeigen auf die Füße zu treten.
Roman: Wir haben dafür eine Rolle etabliert, die Fachplanungskoordination. In unserem nächsten Großprojekt verantwortet Philipp jeden Durchbruch persönlich.
Welche Probleme bereitet die Zusammenarbeit mit Architekt und Bauherr?
Roman: Auf der Baustelle guckst du nach vorne zur Firma, hinter dir steht die Objektüberwachung bzw. der Architekt, dahinter der Bauherr. Welche Probleme hast du mit der Objektüberwachung der Architektur festgestellt?
Adrian: Das Stichwort ist Schöngeistigkeit. Mir ist oft eine gewisse Realitätsferne begegnet, bei der Machbarkeiten vorausgesetzt werden, die in der TGA gar nicht durchführbar sind. Schon in der Planungsphase kam es bei Kommunalprojekten zu Konflikten: Wir haben unsere abgestimmte Planung zur Verfügung gestellt, und es kamen hanebüchene Vorschläge, warum wir das nicht so bauen könnten, weil es nicht ins Raumkonzept passe. Da kann man sich nur an den Kopf fassen — ein kleines bisschen Fachverständnis muss man haben.
Das zieht sich bis auf die Baustelle durch: Plötzlich kommt der Bauherr oder Architekt und sagt, das sehe an der Decke nicht schön aus, wir wollten einen Industriestyle mit frei verlegten Leitungen. Dann hängt ein Kabel naturgemäß durch wie eine Affenschaukel, und der Architekt hält ein Bild vor, auf dem die Kabel schematisch als gerade Linien dargestellt sind: „Es müsste doch so aussehen." Physikalisch geht das nicht — das ist ja kein starres Rohr, sondern ein Kabel. Das erinnert mich an einen älteren Herrn, der seinen Burger aufmachte und sagte: „Auf dem Bild sieht der ein bisschen besser aus." Dann entscheidet der Architekt, Akustikplatten drunter zu montieren — und dann ging der Streit los, weil eine Brandmeldeanlage gebraucht wurde.
Roman: Die hatten wir berücksichtigt, aber die Melder müssen dran — die Decke war vorher offen, jetzt sind das neue Pläne. Stichwort Rückbaustuhllager: ein Kommunalprojekt in Hamburg, wo wir Fachplanung und Bauüberwachung gestellt haben.
Adrian: Da ist es drunter und drüber gegangen, weil die Objektüberwachung seitens der Architektur fünfmal gewechselt hat — entsprechende Reibungsverluste, Rollen wurden nicht konkret wahrgenommen, und bei uns im Hause wurde mehr reagiert als agiert. Den Kollegen blieb nichts anderes übrig, um die Maßnahme voranzubringen.
Roman: Es gab 28 Änderungen im Bauablauf, und das sind keine kleinen.
Adrian: Beim Rückbaustuhllager wurde ein Raum mit entsprechender Infrastruktur bestückt und dann einfach wieder demontiert, weil es nicht schön aussah.
Wie gibt die Bauüberwachung verdeckte Installationen frei?
Roman: Ein Thema, das uns immer wieder gestresst hat: das Schließen von Trockenbauwänden. Die TGA ist dann nicht mehr sichtbar, nicht mehr prüfbar. Wer gibt frei, dass die Wand geschlossen werden kann? Wie würdest du das machen?
Adrian: Im Idealfall: In einem Bauabschnitt haben wir die Infrastruktur an der Wand, davor soll eine Leichtbauwand gesetzt werden. Man bespricht es in den Baubesprechungen — es gibt ohnehin eine Statusmeldung. Der Bauleiter sagt mir: In dem Raum haben wir die Sanitärinstallation in einer Woche fertiggestellt. Dann mache ich, wenn es fertig ist, eine Zwischenabnahme als Teilabnahme, protokollarisch dokumentiert, auch mit Fotos. Habe ich als Bauüberwachung die Qualitätssicherung durchgeführt und festgestellt, dass alles fach- und planungsgerecht installiert ist, gebe ich die Freigabe an die Objektüberwachung: Eure Trockenbau- oder Ausbaugewerke können in den Bauabschnitt rein und die Wand zumachen. Das wäre der ideale Weg.
Roman: Was meistens nicht funktioniert: Es wird vorher nicht abgesprochen und koordiniert. Dann sind alle gestresst, der Trockenbauer will sofort die Wand freigeben und mit 50 Mann am Wochenende durch das Gebäude. Wichtig ist, das im Terminplan vorher zu betrachten: Ich will meine Zeit für meine Freigabe, ich will fünf Wochen pro Stockwerk, ich brauche Druckprotokolle zu den Sichtprüfungen. Das geht nicht so schnell.
Adrian: Das ist die Diskrepanz auf der Baustelle, weil andere Zeiten vorgegeben sind. Bauabschnitte werden vorgezogen, wenn das Gesamtvorhaben im Verzug ist — dann sollen Fakten geschaffen werden. Der Projektsteuerer sagt: Es sieht aus wie vor sechs Wochen, ich möchte, dass etwas passiert. Dann werden Schnellschüsse gemacht, der Raum zugemacht, der Maler kommt rein — und dann kommt einer um die Ecke: An diese Wand muss noch ein Ventil und eine Revisionsöffnung. Der Gewerkezug ist dann längst vom Gleis gefallen.
Roman: Diese Prüffristen in den Zug zu integrieren und in den Terminplan zu packen, ist eine Sache für die Zukunft. Taktplanung ist etwas, mit dem wir uns beschäftigen sollten.
Was nimmt man als Bauüberwacher mit ins PiTA-Mentoring?
Roman: Adrian, vielen Dank, dass du da bist. Ein kleiner Werbeblock für das Mentoring-Programm: Wir beide machen zusammen die Einheit 6, Bauüberwachung der TGA, und fangen mit einem Rollenspiel an. Wir wollen den Projektleitenden zeigen, was Bauüberwachung auch emotional bedeutet, und daraus in eine Reflexion gehen: Was muss ich leisten als Bauüberwacher, was nicht, was macht die Fachbauleitung, was kann ich von der Projektüberwachung Hochbau und vom Bauherrn akzeptieren?
Adrian: Das Wichtigste, das ich für mich gelernt habe: Mit einem dicken Fell oder breiten Kreuz wird man nicht geboren — das muss man sich in der Bauüberwachung wachsen lassen. Das Wichtigste ist, Dinge auf der Baustelle, auch wenn es laut wird und die eigene Fachkompetenz infrage gestellt wird, nicht persönlich mit nach Hause zu nehmen. Sonst gehst du auf so einer Baustelle einfach ein.
Häufige Fragen zu dieser Folge
Was ist der Unterschied zwischen Bauüberwachung und Bauleitung?
Der Bauleiter wird vom ausführenden Unternehmen gestellt und gibt vor Ort konkrete Anweisungen zur Ausführung — etwa wo, in welcher Dimension und mit welchem Halterungskonzept eine Leitung verlegt wird. Die Bauüberwachung steht dahinter, gibt selbst keine Ausführungsanweisungen, sondern überwacht, ob regel- und vertragskonform gebaut wird, und liefert dem Bauherrn ein gefiltertes Reporting (z. B. „termin- und fachgerecht installiert").
Warum ist der Begriff „Fachbauleitung" für ein Planungsbüro problematisch?
Bauleitung bedeutet, eine Anleitung zur Ausführung zu geben — diese Rolle wird durch das ausführende Unternehmen gestellt. Ein Planungs- oder Ingenieurbüro überwacht dagegen und gibt keine direkten Anweisungen an Monteure. Adrian Harms hält die im Ingenieurvertrag geforderte „Fachbauleitung" durch das Planungsbüro deshalb für eine Begriffsverwechslung.
Ist die Bauüberwachung für die Terminkoordination zuständig?
Teilweise ja. Die Bauüberwachung hat einen besseren Überblick über die Gesamtterminlage als der einzelne Bauleiter eines Gewerks und muss koordinativ eingreifen, wenn ein Gewerk eine Vorleistung für ein nachfolgendes nicht rechtzeitig erbringt. Bei Verzug spricht sie den Bauleiter in der Baubesprechung an und schreibt im Eskalationsfall eine Abhilfeanordnung.
Warum muss die Bauüberwachung das Leistungsverzeichnis kennen?
Um die Qualitätssicherung vor Ort durchführen zu können, muss die Bauüberwachung die gesamte Vertragslage kennen: welche Positionen zu welchen Preisen und Mengen vereinbart sind und welche Materialgüte vorgeschrieben ist. Nur so kann sie feststellen, ob abweichend vom Angebot ausgeführt wurde, und gezielt Nachbesserung verlangen.
Welche Rolle hat die Bauüberwachung bei Nachträgen?
Sie bewertet Nachträge nicht monetär, sondern plausibilisiert sie fachlich: Mit ihrer Fachexpertise bestätigt sie, dass eine Leistung vor Ort anders erbracht werden muss, weil sie technisch nicht wie geplant umsetzbar ist, und spricht eine Empfehlung zur Beauftragung aus. Die monetäre Bewertung übernimmt die Projektleitung mit den Fachplanern.
Wer ist für die Schlitz- und Durchbruchplanung verantwortlich?
Die Schlitz- und Durchbruchplanung obliegt der Objektsteuerung bzw. dem Architekten und liegt in der Kostengruppe 300 — nicht bei der TGA-Fachplanung. Die TGA nennt nur ihren Leitungsbedarf; freigeben muss der Architekt, der den Statiker zur Prüfung in der Hinterhand hat.
Wie wird eine verdeckte TGA-Installation vor dem Schließen einer Wand freigegeben?
Im Idealfall meldet der Bauleiter die Fertigstellung des Bauabschnitts an, dann führt die Bauüberwachung eine Zwischen- bzw. Teilabnahme mit Qualitätssicherung durch — protokollarisch dokumentiert, auch mit Fotos und Druckprotokollen zu den Sichtprüfungen. Erst nach festgestellter fach- und planungsgerechter Installation gibt sie die Wand zum Schließen an die Objektüberwachung frei.
Zitate
„Eine gute Streitkultur auf der Baustelle gehört im Grunde zur Bauüberwachung dazu."
— Adrian Harms
„Du möchtest dem Bauherrn eigentlich nur erzählen: Die Leitung ist termin- und fachgerecht installiert worden. Das ist der Unterschied."
— Adrian Harms
„Mit einem dicken Fell oder einem breiten Kreuz wird man nicht geboren. Was die Bauüberwachung angeht, das muss man sich wachsen lassen."
— Adrian Harms
„Ich werde den Nachtrag nicht monetär bewerten, ich würde ihn aber fachlich plausibilisieren."
— Adrian Harms
Zahlen & Fakten
In der HOAI ist nur etwa ein Prozent des Gesamthonorars für Termine vorgesehen.
Quelle: Roman FritschesAdrian Harms hat mehr als zehn Jahre Fachbauleitung im erdverlegten Rohrleitungsbau gesammelt, bevor er zur Bauüberwachung der TGA wechselte.
Bei einem Bauvorhaben überstiegen die gestellten Nachträge den ursprünglichen Auftragswert um das Doppelte, weil die Leistungsverzeichnisse fehlerhaft waren.
Quelle: Adrian HarmsIn einem Kommunalprojekt in Hamburg gab es 28 Änderungen im Bauablauf, nachdem die Objektüberwachung der Architektur fünfmal gewechselt hatte.
Glossar
- Bauleitung
- Vom ausführenden Unternehmen gestellte Rolle; der Bauleiter gibt vor Ort die konkrete Anleitung zur Ausführung an die Monteure seines Gewerks.
- Bauüberwachung
- Überwacht, ob die Ausführung regel- bzw. vertragskonform erfolgt; gibt selbst keine Ausführungsanweisungen, koordiniert Termine, sichert die Qualität und liefert dem Bauherrn ein gefiltertes Reporting.
- Mitwirkungspflicht
- Pflicht der Bauüberwachung, Bauherr bzw. Projektsteuerung über zeitliche Probleme zu informieren und z. B. ein Anschreiben an das Unternehmen nach VOB vorzuschlagen oder vorzuformulieren.
- Montageplanung
- Werks-/Montageplanung, die den ausführenden Unternehmen obliegt und vor der Umsetzung auf Konformität mit der Planungsgrundlage gegengeprüft wird.
- Objektüberwachung
- Meist durch ein Architekturbüro gestellt; hat den Gesamtüberblick über das Projekt und koordiniert sich mit der Fachbauüberwachung der TGA.
- Schlitz- und Durchbruchplanung
- Planung der Wand- und Deckendurchbrüche; obliegt der Objektsteuerung bzw. dem Architekten (Kostengruppe 300), nicht der TGA-Fachplanung.
- Zwischenabnahme (Teilabnahme)
- Protokollarisch (mit Fotos) dokumentierte Abnahme eines Bauabschnitts vor dem Verschließen, nach der die Bauüberwachung die Freigabe an die Objektüberwachung erteilt.